Noch ein Mythos, der wankt

Der Aargau ist das Rüebliland. Es überrascht deshalb nicht, dass das Restaurant des Gastkantons damit ein mehrgängiges Menu zu bestreiten versteht. Und doch sind Rüebli kein Aargauer Alleinstellungsmerkmal.

Beda Hanimann
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Ein Gemüse steht für einen Kanton: Der Aargau gilt als Rüebliland. (Bild: Benjamin Manser)

Ein Gemüse steht für einen Kanton: Der Aargau gilt als Rüebliland. (Bild: Benjamin Manser)

Selten war ein Olma-Plakat so eindeutig auf den Gastkanton ausgerichtet. Ein Bund Rüebli! Auch in der Messe trifft man das Attribut des Kantons Aargau an. Körbe und Büschel Karotten immer wieder, in der Halle 6 ragt ein Riesenrüebli aus dem Asphalt hervor, im Gemüsekino vor der Halle 9 laufen Kurzfilme über verschiedene Gemüse (wohl auch über das Rüebli, wenn man Geduld und Zeit hätte, den richtigen Moment abzuwarten). Und im «Rosso» in Halle 9, dem Restaurant des Gastkantons, rotten sich die Karotten vom ersten bis zum letzten Gang zum orangen Faden zusammen, von der Suppe bis zur Torte.

Rüebli statt Zucker

Die Rüeblitorte, wenn das nicht ein Synonym für den Aargau ist! Dabei stehen die Aargauer mit ihrer Wahnsinnsidee, aus Gemüse ein Dessert zu basteln, nicht einmal allein da. Paul Imhof weist im «Kulinarischen Erbe der Schweiz» darauf hin, dass Süssspeisen aus Karotten bei verschiedenen Völkern zu finden seien, die wenig Verbindung untereinander aufweisen. Die Iren haben die gleiche Idee gehabt, ebenso die Hindus, die Juden oder die Österreicher. Die britische Regierung forderte das Volk im Zweiten Weltkrieg auf, Gebäck mit Karotten zu süssen, um Zucker zu sparen.

Im Aargau indes hat man gleich mehrere Erklärungen, warum ihm dennoch der Titel «Rüebliland» gebührt. Ein in Brugg tätiger Baselbieter Pfarrer habe immer so schöne Rüebli in seine alte Heimat gebracht, lautet eine. Eine zweite besagt, statt Rüebli seien eigentlich Rüben gemeint gewesen – und da war der Aargau tatsächlich mal Spitze. Eine dritte nimmt Bezug auf eine im Aargau gepflegte Anbauform. Dabei wurden Karottensamen in Gerstenfelder gesät, nach der Getreideernte waren dann im gleichen Feld die Rüebli nach. Und da ist noch eine nicht-agrarische Theorie: Rübeli oder Ribeli war eine Bezeichnung für Manchesterstoff, der im Westaargau hergestellt wurde.

Die Wahrheit der Zahlen

Hübsche Legenden allesamt, aber sie überzeugen ebenso wenig, wie sie an der Olma bestätigt werden. Und die Realität sieht tatsächlich anders aus. Zwar hat sich die Anbaufläche von Karotten im Aargau seit 1980 auf 173 Hektaren verachtfacht. Das reicht aber sogar im eigenen Kanton nur für Platz 2 hinter Bohnen. Und schweizweit liegt der Aargau punkto Karottenanbau nur gerade auf dem 5. Platz.

Ach, auch der Aargau als Rüebliland ist also nur einer dieser Schweizer Mythen, die gerade zerzaust werden. Immerhin geraten sich darob weder Politiker noch Historiker in die Haare. Wohl deshalb, weil die Schweiz als ganzes ein Rüebliland ist. Die orange Wurzel ist hierzulande das beliebteste Gemüse.

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