Nicht einmal ein Herrgöttli Bürgerwein

Kommen die Schäflein nicht zur Tränke, bewegt sich die Tränke halt zu den Schäflein. Die Frauenfelder Katholiken haben mit ihrer Sommerbeiz in der Altstadt den Dreh raus. Statt aufsuchender Jugendarbeit ist das aufsuchende Kirchbürgerarbeit à la «animation spirituelle».

Mathias Frei
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Kommen die Schäflein nicht zur Tränke, bewegt sich die Tränke halt zu den Schäflein. Die Frauenfelder Katholiken haben mit ihrer Sommerbeiz in der Altstadt den Dreh raus. Statt aufsuchender Jugendarbeit ist das aufsuchende Kirchbürgerarbeit à la «animation spirituelle». Mit dieser Aktion werden die Kirchenbänke garantiert bestens besetzt sein, wenn dereinst die katholische Stadtkirche St. Nikolaus wiedereröffnet wird.

Wenn's um Wein geht, sind die Katholiken den Reformierten eben einen Schritt voraus, denkt man sich und will frohen Mutes im Bistro «Zur alten Kaplanei» einkehren. Ein paar Gläsli Weissen in seliger Runde zum samstäglichen Frühschoppen. Wenn's so höcklig wird, dass die ersten Predigten verhallen, darf auch ein Roter geköpft werden. Man will ja nicht Wasser trinken und Wein predigen. Oder wie hiess dieses Sprichwort nochmal?

Aber, oh Gott, weder Rot- noch Weisswein gibt's im Katholiken-Bistro zu kredenzen. Nicht einmal ein Herrgöttli von diesem vergorenen Traubensaft, der sich Bürgerwein nennt, kein Schlückli alter Wein in neuen Schläuchen. Auch mit höhergeistigen Getränken ist es nicht weit her. Dabei hätte sich doch gewiss irgendwo ein Grappa namens «Spiritus sancti» gefunden – fürs Käfeli und zwischendurch. Doch nein, in der «Alten Kaplanei» lässt sich nur mit Gerstensaft auf den lieben Gott anstossen. Da kann ich mir als Katholik noch lange anhören «Nehmet und trinket alle daraus», heinemol. Leere Gläser bleiben leer.