«Nicht einfach Dogmen bemühen»

Bischof Markus Büchel will eine Kirche, die sich zur Welt, zur Gesellschaft hin öffnet und sich nicht im Ghetto der Gleichgesinnten aufhält. Das Gespräch zu seinem Amtsjubiläum.

Richard Clavadetscher
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«Jeder Mensch hat seine ganz persönlichen Überzeugungen»: Bischof Markus Büchel in der bischöflichen Wohnung. Bild: Urs Bucher (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

«Jeder Mensch hat seine ganz persönlichen Überzeugungen»: Bischof Markus Büchel in der bischöflichen Wohnung. Bild: Urs Bucher (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Bischof Markus, Sie sind nun zehn Jahre im Amt – wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut. Diese zehn Jahre waren eine spannende Zeit. Im Alltagsgeschäft hat man ja immer das Gefühl, es bewege sich nichts. Tatsächlich aber ist viel passiert. Was mir am meisten Zufriedenheit gibt: Wir waren und sind nahe an den Problemen der Zeit, den Bedürfnissen der Menschen. Und wir versuchen, Wege zu gehen, die den Menschen helfen.

Ihnen sind Menschen anvertraut in einem umfassenden Sinn – bisweilen eine Belastung?

Eine Belastung in dem Sinn, dass ich weiss: Ich kann nicht allen Menschen gerecht werden. Jeder Mensch hat ja seine ganz persönliche Geschichte, seine Überzeugungen. Wenn man nun für viele Menschen einen gemeinsamen Weg suchen muss, ist das gerade deshalb oft sehr fordernd. In diesem Spannungsfeld bin ich tätig.

Wir erinnern uns, dass Sie das Amt mit gehörigem Respekt antraten. Sie haben damals die Gläubigen gar ersucht, nun mit ganz besonderem Effort für Sie zu beten. Weshalb dieser Respekt?

Das Bischofsamt ist ein Amt, in dem man auf viele angewiesen und vielmals ohnmächtig ist. Um es mit einem Wort von Papst Franziskus zu sagen: Es ist heute die Zeit zu säen – nicht zu ernten. Es ist heute die Zeit, um das Evangelium zu verkünden, es den Menschen anzubieten, ihnen zu ermöglichen, tragende Erfahrungen damit zu machen in der Gemeinschaft der Kirche und in der Gesellschaft. Es ist heute die Zeit, um auch an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Das ist gemeint mit säen und wachsen lassen. Ernten werden andere.

Mit welchen Zielen gingen Sie seinerzeit ins Amt?

Mein Wahlspruch war und ist «Freude und Hoffnung». Ich möchte eine Kirche erleben, die sich öffnet hin auf die Welt und die Gesellschaft, eine Kirche, die durch Taten die Botschaft verwirklicht – keine Kirche, die sich im Ghetto der Gleichgesinnten aufhält.

Was ist Ihnen denn in diesem Jahrzehnt als Bischof besonders in Erinnerung geblieben?

Neben all den spannenden Debatten, die ich erleben durfte, sind es sicher die drei Jahre des Präsidiums der Bischofskonferenz – schon von der Arbeitsbelastung her. Das Zentrale während dieser drei Jahre war, dass Papst Franziskus uns eine neue Kultur brachte. Er verlangt, dass wir die Kirche zuerst einmal von der Basis her wahrnehmen und hernach mit der Lehre in Verbindung bringen – statt einfach nur die Dogmen zu bemühen.

Man hat den Eindruck, in diesen zehn Jahren habe die Bedeutung der Religion in der Gesellschaft eher wieder zugenommen. Erleben Sie das auch so?

Ich erlebe das tatsächlich, besonders bei jungen Menschen, die sich mit grosser Spontaneität auf das Spirituelle einlassen. Ich habe gelernt, dass die Zukunft der Kirche keine Massenbewegung mehr sein wird. Es werden stattdessen viele kleine Zellen sein, in denen der einzelne Mensch seinen Halt findet. Wenn wir all diese Zellen zusammennehmen, dann ist zu spüren, dass etwas am Wachsen ist – gerade auch bei den jungen Menschen.

Bei der Papstwahl sagten Sie, dass Sie Franziskus nicht auf Ihrer Liste möglicher Kandidaten hatten. Warum nicht?

(Lacht) Ich kannte ihn eben gar nicht. Ich wusste nicht, dass es da einen Bergoglio aus Argentinien gibt.

Wir hatten den Eindruck, je mehr Sie über den neuen Papst erfuhren, desto mehr hellte sich Ihr Gesicht auf.

Das ist so. Die Art, wie er auf Menschen zuging, hat mich beeindruckt. Er sprach eine Sprache, die die Menschen wieder verstanden. Dies hat nicht nur mich beeindruckt, sondern viele andere auch. Durch seine Art schaffte er es, zum Tagesgespräch zu werden – weit über die Kirche hinaus.

Noch nicht lange ist es her, dass Papst Franziskus das nachsynodale apostolische Schreiben «Die Freude der Liebe» veröffentlichte. Wir meinen, dieses Schreiben habe einiges verändert, zum Positiven hin verändert, in der katholischen Kirche.

Das sehe ich auch so. Zusammen mit dem, was vor diesem Schreiben in den Gemeinden und den Pfarreien geschah, hat es bewirkt, dass wir wieder den Mut haben, das zu sagen, was uns betrifft. Der Papst spricht vom Volk Gottes – und wir sollen wahrnehmen, wo seine Mitglieder stehen, und uns von dort aus mit ihnen auf den Weg machen.

Wenn wir uns Ihr Wirken vor Augen führen, meinen wir, das päpstliche Schreiben habe Sie nichts weniger als bestärkt in Ihrer Haltung, die Sie seit je hatten als Bischof.

Die Nähe zu den Menschen, ihre Sprache zu sprechen, das war mir immer wichtig. Insofern bin ich durch das päpstliche Schreiben in der Tat bestärkt worden.

Nach einem Jahrzehnt darf ein Bischof sagen, welche Pläne, Wünsche und Hoffnungen er für die Zukunft hegt.

Zuerst muss einmal die Gesundheit durchhalten. Das ist für mich ein grosses Geschenk, wenn dies geschieht. Man ist ja nicht mehr 30 Jahre alt. Mein Wunsch ist zudem, dass Menschen, die mit der Kirche gehen, dies mit einer gewissen Freude tun und damit zeigen, dass wir doch eigentlich eine Botschaft haben, die uns hilft, beflügelt und uns Hoffnung schenkt auf unserem gemeinsamen Weg.