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NEUER POLIZEIKOMMANDANT: Von den Dealern zu den Rasern

Der neue Kommandant der Kantonspolizei Thurgau will die Öffentlichkeit nicht nur über Erfolge informieren, sondern auch über Fehlschläge. In seiner Laufbahn hatte er es bisher mehr mit Drogenhandel als mit Verkehrsdelikten zu tun.
Thomas Wunderlin
Jürg Zingg will in den ersten drei Monaten vor allem den Mitarbeitern zuhören. (Bild: PD/Daniel Duschletta)

Jürg Zingg will in den ersten drei Monaten vor allem den Mitarbeitern zuhören. (Bild: PD/Daniel Duschletta)

Der 53jährige Jürg Zingg hat Anfang September von Hans Baltensperger das Kommando der Kantonspolizei Thurgau übernommen. Seine Vorgesetzte ist SP-Regierungsrätin Cornelia Komposch. Zingg war zuvor Stellvertreter des Kommandanten der Stadtpolizei Zürich. Sein altes Korps zählt rund 2000 Mitarbeiter. Bei der Kantonspolizei Thurgau sind es inklusive Zivilangestellte 450.

Herr Zingg, was sind Sie für ein Typ?

Offen. Authentisch. Berechenbar – das ist wichtig für einen Chef. Ich denke, meine Leute wissen, was sie an mir haben, wie ich reagiere. Sicher bin ich ein analytischer Mensch. Ich kann strategisch denken und bin entscheidungsfreudig.

Gibt es Dinge, die Sie in Wut versetzen?

Ja. Mich macht es wütend, wenn man nicht ehrlich ist und nicht zu Fehlern steht. Wir kommunizieren deshalb auch Sachen, die nicht optimal gelaufen sind. Beispielsweise, dass ein Polizist von einem Diensthund gebissen worden ist, auch wenn es vielleicht hämische Kommentare auslöst. Die Polizei muss transparent sein, das ist mir wichtig.

Was freut Sie besonders?

Wenn ich merke, dass Mitarbeitende motiviert sind, ihren Job zu machen, wenn sie gute Rückmeldungen aus der Bevölkerung erhalten. Ich habe feststellen können, dass die Kantonspolizei ein gutes Ansehen geniesst.

Weshalb haben Sie sich als Kommandant der Kantonspolizei Thurgau beworben?

Es reizt mich, ein Korps zu gestalten. Als Kommandant ist man an einer interessanten Nahtstelle. Sie müssen politische Abläufe und Gepflogenheiten berücksichtigen.

Tendieren Sie politisch in die Richtung Ihrer Departementsvorsteherin?

Ich würde mich als liberalen Menschen bezeichnen, der auch in gesellschaftspolitischen Fragen liberal ist. Von daher kann ich sehr gut funktionieren, unabhängig davon, ob mein politischer Chef oder Chefin eher ins rechte oder linke Lager gehört. Lustigerweise hatte ich unter meinen politischen Chefs bisher immer SP, Grüne und Alternative.

2013 hatten Sie sich als Kommandant der Stadtpolizei Zürich beworben, wurden aber nicht gewählt. Eine Enttäuschung?

Was heisst, nicht gewählt? Am Schluss waren zwei im Rennen. Der eine ein interner Aufsteiger, der andere ein erfahrener Kommandant, der schon zwei Korps geführt hat. Natürlich war ich enttäuscht. 2013 war ich aber relativ jung. Wenn ich da Kommandant geworden wäre, hätte man damit rechnen müssen, dass ich es 15 Jahre lang mache. Und ich finde, 15 Jahre sind für ein Kommando relativ lang. Jetzt mit bald 54 habe ich gerade den richtigen Zeithorizont. Nicht zu kurz, aber auch nicht zu lang.

Weshalb sind Sie Polizist?

Ich arbeite gern mit Menschen zusammen. Das können Sie bei der Polizei im doppelten Sinn. Sie sind für die Menschen in dem Raum da, in dem Sie Polizist sind, und Sie haben mit den Menschen zu tun, die bei der Polizei arbeiten. Ich habe ausserdem im Militär eine Generalstabsausbildung absolviert. Was Sie da lernen, können Sie im Polizeiberuf, grad als Offizier, anwenden. Im Militär machen Sie das ja im Hinblick darauf, dass Sie es möglichst nie anwenden müssen. Sie sehen das Resultat nie. Aber ein schlecht vorbereiteter Polizeieinsatz hat Konsequenzen.

Weshalb sind Sie nach Ihrer juristischen Ausbildung zu einer Bank gegangen?

Ich wollte auch einmal die Privatwirtschaft sehen, nicht nur die Verwaltung. Davon profitierte ich bis heute. Ich habe ein Team geführt, das sich mit Restrukturierungen und Sanierungen beschäftigte. Ich habe gelernt, bei den Abläufen hinzuschauen und zu fragen, was wirklich betrieblich notwendig ist und was wirklich ein Mehrwert für die Kunden bringt. Bei der Polizei gilt es darauf zu achten, was die Auswirkungen auf die Menschen sind, die hier im Thurgau leben, was ihnen einen Vorteil bringt.

Hat man Ihnen bei der Anstellung als Kommandant der Kantonspolizei Thurgau etwas vorgegeben, auf das Sie ein Auge halten sollten?

Nein.

Was wollen Sie als erstes anpacken?

Ich möchte die ersten drei Monate nutzen, um herauszufinden, was man verbessern könnte. Ich kann höchstens allgemein etwas sagen. Ich muss schauen, ob die Aus- und vor allem die Weiterbildung die aktuellen Bedürfnisse der Polizistinnen und Polizisten abdeckt. Der Bereich Laufbahnplanung und Personalentwicklung liegt mir am Herzen. Wichtig ist mir die Kultur, die wir untereinander haben. Sind Ängste da, so dass man Vorgesetzten nicht widerspricht? Da habe ich bis jetzt das Korps sehr offen wahrgenommen.

Was ist hier anders als bei der Stadtpolizei Zürich?

Der grosse Unterschied ist natürlich, dass der Raum viel begrenzter ist. Von daher haben Sie in der Stadt die polizeilichen Mittel schnell vor Ort. Typisch urbane Probleme wie Lärm und Littering gibt es auch im Kanton Thurgau. Aber wir haben beispielsweise keine Szene, die dauernd unbewilligte Demonstrationen anreisst. Wir haben auch keine Sportvereine, bei denen Hooliganismus ein Thema wird.

In Zürich haben Sie mit Grossveranstaltungen zu tun gehabt, auch mit der Dealerszene, weniger mit der Verkehrspolizei. Sie kommen quasi von den Dealern zu den Rasern.

Ja. Es sind neue Themen, die ich in der Stadt nicht hatte. Sie haben ein Beispiel genannt. Wobei es auch in der Stadt Zürich schwere Unfälle gibt, die auf überhöhte Geschwindigkeit zurückzuführen sind. Meine Erfahrungen mit Grossveranstaltungen – die auch friedlich sein können – kann ich jetzt sicher auch im Kanton Thurgau brauchen. Der Thurgau liegt an der Grenze und hat damit zusammenhängenden Probleme, die in der Stadt Zürich nicht vorkommen.

Einem früheren Kommandanten der Stadtpolizei Zürich wurde vorgeworfen, er habe nicht rechtzeitig neues Personal gefordert. Wie sehen Sie das hier?

Ich denke, dass wir nächstes Jahr den Sollbestand von 384 Vollzeitstellen erreichen. Ich gehe davon aus, dass das reicht, damit die Kantonspolizei ihre Aufgaben wahrnehmen kann. Schweizweit ist der Thurgau an letzter Stelle in der Polizeidichte. Das ist an sich kein Grund für einen Ausbau. Ich muss zuerst schauen, was für Herausforderungen in fünf, sechs Jahren auf uns zukommen, und fragen, wo erbringen wir Dienstleistungen in sehr hoher Qualität und binden damit Ressourcen, die anderswo fehlen. Dann fragt man, was die richtige Qualität ist. So bekommt man Ressourcen frei, um eine neue Herausforderung zu bewältigen.

Wo könnten diese liegen?

Ich gehe davon aus, dass der Kanton Thurgau immer noch wächst. Normalerweise bleibt dann der Stand der Kriminalität nicht gleich, sondern die Anforderungen an die Polizei nehmen zu. Das Ausgehverhalten hat sich verändert. Vor allem in der zweiten Wochenhälfte, Freitagnacht und Samstagnacht, läuft mehr als früher. Ich brauche am Montag und Dienstag weniger Polizeieinsätze nachts, aber es wird am Wochenende mehr geben. Vor allem die Sommermonate hindurch.

Die Polizei ist eine Männerdomäne. Wollen Sie den Einsatz von Frauen fördern?

Ja. Wir haben einen Frauenanteil von knapp 12 Prozent im Korps. Ich stelle immer wieder fest, dass wir junge Frauen ausbilden, aber dann gibt es einen Break, wenn sie eine Familie gründen. Ich bin überzeugt, dass in allen Polizeikorps die Forderung aufkommt, mehr Teilzeit arbeiten zu können. Wenn ich das anbieten kann, kann ich gute Mitarbeiterinnen behalten. Auch Männer wollen ihren Anteil an der Kindererziehung übernehmen. Teilzeitarbeit kommt auch Wiedereinsteigerinnen entgegen.

Ich gehe davon aus, dass das etwas ist, was Ihnen Ihre Chefin empfohlen hat.

Nein. Das ist kein Thema, das wir bisher miteinander besprochen haben. Aber ich denke, dass sie da ähnlich ticken wird.

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