Neue Bewilligung für alte Ärzte

FRAUENFELD. Ärzte verlieren im Thurgau neuerdings mit ihrem 70. Geburtstag die Berufsbewilligung. Wer danach noch weiterarbeiten will, braucht eine neue Bewilligung des kantonalen Amts für Gesundheit.

Christof Widmer
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Ärzte sollen über das Pensionsalter hinaus arbeiten. Nach ihrem 70. Geburtstag greifen aber neue Regeln, um die Qualität ihrer Arbeit zu sichern. (Bild: Ralph Ribi)

Ärzte sollen über das Pensionsalter hinaus arbeiten. Nach ihrem 70. Geburtstag greifen aber neue Regeln, um die Qualität ihrer Arbeit zu sichern. (Bild: Ralph Ribi)

In zehn Jahren wird die Hälfte der Thurgauer Hausärzte das Pensionsalter erreicht haben. Bereits heute zeichnet sich ab, dass es zu wenig Nachwuchs gibt, der ihre Praxen übernehmen könnte. «Angesichts des absehbaren Ärztemangels ist es erwünscht, wenn künftig mehr Ärzte über das Pensionsalter hinaus arbeiten», sagt Kantonsarzt Olivier Kappeler.

Allerdings muss der Kantonsarzt noch einen anderen Aspekt berücksichtigen: jenen der Sicherheit – also, ob ein älterer Arzt überhaupt noch in der Lage ist, korrekte Diagnosen zu stellen und seine Patientinnen und Patienten auf der Höhe der Zeit zu behandeln. Hierzu hat der Grosse Rat mit der Revision des Gesundheitsgesetzes ein neues Sicherungsinstrument eingeführt: Ärzte verlieren ihre Berufsbewilligung, wenn sie 70 Jahre alt geworden sind. Wer auch nach seinem 70. Geburtstag tätig sein will, kann eine neue Bewilligung für jeweils drei Jahre beantragen. Diese Regelung gilt für alle Medizinalberufe mit universitärer Ausbildung – also zum Beispiel auch für Psychiater.

Rund ein Dutzend über 70

Die Regelung sei aus Anlass der Totalrevision des Gesundheitsgesetzes eingeführt worden, sagt Kappeler. Unmittelbaren Handlungsbedarf habe es noch nicht gegeben. Heute praktiziert im Thurgau rund ein Dutzend Ärzte, die älter als 70 sind.

Unter welchen Bedingungen die Bewilligung für über 70jährige Ärzte verlängert wird, hat der Regierungsrat diesen Monat in einer neuen Weisung festgelegt. Nötig ist ein Gesuch an das Amt für Gesundheit. Die Gesuchstellerinnen und Gesuchsteller müssen darin erklären, dass sie körperlich und geistig in der Lage sind, ihren Beruf weiterhin auszuüben. Ausserdem müssen sie Nachweise über ihre Fortbildung, ihre Berufshaftpflichtversicherung und die Ausrüstung ihrer Praxis beilegen. Das Verfahren entspreche jenem, das junge Ärzte durchlaufen, die erstmals eine Bewilligung beantragen, sagt Kappeler.

Dass nur eine Selbstdeklaration über die geistige und körperliche Fitness nötig ist, begründet Kappeler damit, dass man im Thurgau die Ärzte kenne, da sie in der Regel schon seit Jahrzehnten praktizieren. Deren Angaben liessen sich leicht auf ihre Plausibilität überprüfen. Bei entsprechenden Hinweisen kann das Amt für Gesundheit auch Auflagen formulieren.

Für die Erneuerung der Bewilligung mit 73 Jahren gelten verschärfte Vorschriften: Gesuchsteller müssen sich vertrauensärztlich untersuchen lassen, um eine Bewilligung für weitere drei Jahre zu erhalten.

Besondere Vorschriften gibt es auch für Ärzte, die invasiv tätig sind, also Operationen oder komplexe Eingriffe vornehmen. Hier braucht es zusätzlich eine Bescheinigung des ärztlichen Leiters der Institution, für die der Arzt arbeitet. In der Mehrheit dürften aber ohnehin selbständig tätige Ärzte eine Bewilligungsverlängerung beantragen, sagt Kantonsarzt Kappeler. Öffentliche Spitäler oder Kliniken stellten in der Regel keine Ärzte im Pensionsalter an. «Selbständige können aber den Zeitpunkt selber bestimmen, zu dem sie sich aus der Praxis zurückziehen wollen.»

Kritik an Bürokratie

Die Thurgauer Ärztegesellschaft hat Verständnis für die neue Regelung. «Wenn ein Arzt mit 70 seine Bewilligung erneuern muss, dient das der Qualität», sagt Präsident Daniel Jud. Die Ärztegesellschaft hätte sich aber ein Verfahren mit weniger Bürokratie gewünscht. Damit meint Jud zum Beispiel die geforderten Nachweise über die Praxiseinrichtung. Auch die vertrauensärztliche Untersuchung für über 73-Jährige hält Jud nicht in jedem Fall für notwendig. Es wäre für ihn besser, sie von der Spezialisierung des Arztes abhängig zu machen.

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