NATUR IM STRESS: Der Stadtbaum, das unbekannte Wesen

Stadtfüchse sind neu, Stadtbäume gibt es schon länger. «Ein Baum in der Stadt: Das ist eigentlich ein Widerspruch.» Andres Storrer sagt das. Dem Baumpflegespezialist gehört die Baumart AG in Frauenfeld. Bäume würden sich wohl kaum einen Platz in der Stadt auswählen, sagt Storrer.

Mathias Frei
Drucken
Teilen
Die Robinie beim Migros Zeughausstrasse.

Die Robinie beim Migros Zeughausstrasse.

Das heisst: Bäume in Städten sind grösstenteils von Menschen gepflanzt worden. Storrer ist einer von zwei Referenten, die am Dienstagabend im Alterszentrum Park zu besagtem Thema gesprochen haben. Dazu eingeladen hat das städtische Amt für Hochbau und Stadtplanung. Des weiteren hat der Zürcher Baumexperte Matthias Brunner zum «Stadtbaum im Stress» referiert.

In Frauenfeld gibt es laut Stadtplaner Adrian Sauter rund 1200 Bäume auf öffentlichem Grund. Gegen 200 dieser Bäume bewirtschaftet die Stadtgärtnerei, 15 hat sie im vergangenen Jahr gepflanzt. Für ungleich mehr Bäume zeichnen private Unternehmen im Auftrag der öffentlichen Hand verantwortlich. Meist handelt es sich in diesen Fällen um Bauprojekte mit Baumpflanzungen. Wie Andreas Weber, stellvertretender Abteilungsleiter Friedhof und Stadtgärtnerei, erklärt, gehen solche Bäume nach zwei Jahren in den Unterhalt der Stadt über. Das nennt sich Anwachsgarantie, die eine Gartenbaufirma zu gewährleisten hat.

Es gibt auch viele Bäume in der Stadt, die sich in Privatbesitz befinden. 2005 wurde ein Baumkataster erstellt. Dieser wurde aber seither nicht mehr bewirtschaftet und bedarf deshalb einer Aktualisierung. Nun gibt es neue Bestrebungen in dieser Richtung. Markus Marghitola, Abteilungsleiter Friedhof und Stadtgärtnerei, rechnet damit, dass bis etwa in anderthalb Jahren ein städtisches Baumkonzept existiert. Primär soll es dabei um die Bäume gehen, die der Stadt gehören. Ein zweitrangiger Aspekt könnte der historische Baumbestand in Frauenfeld sein, wo es auch Platz hätte für Bäume Privater. Aber schon heute pflanze man Bäume standortgerecht, sagt Marghitola. «Und aus Plausch fällen wir definitiv keine Bäume.» Vielmehr stünden in solchen Fällen stets Sicherheitsbedenken im Vordergrund.

Die ältesten Bäume Frauenfelds gehören der öffentlichen Hand, nämlich die Plantanen beim Staatsarchiv dem Kanton. Sie sind 200 Jahre alt. Eine mächtige Weide auf dem unteren Auenfeld mit neun Metern Stammdurchmesser ist gegen 150 Jahre alt. Als besondere Bäume auf städtischem Grund bezeichnet Andreas Weber etwa den Gelbholzbaum, den Tulpenbaum oder den Geweihbaum. Das sind allesamt nichteinheimische Bäume, die mit Extremsituationen besser zurechtkommen. Die Robinie beim Migros Zeughausstrasse ist ein gutes Beispiel dafür. Diese Art ist sich Hitze und kargen, trockenen Untergrund gewöhnt. Weitere Stressfaktoren am besagten Standort sind die Abgasbelastung, die Erschütterungen und das verdichtete Erdreich. Baumpflegespezialist Storrer und Marghitola von der Stadtgärtnerei sind sich einig, dass dieser Standort auf dem Stadtgebiet zu den extremeren gehört. Dass an solchen Standorten gleichwohl Bäume gedeihen, sei das Verdienst der Stadtgärtnerei, sagt Storrer. «Frauenfeld weist in dieser Hinsicht ein hohes Niveau und eine schöne Vielfalt auf», lobt der Baumpflegespezialist. Man schaue den Bäumen, statt sie verkommen zu lassen. Zudem sei das Team der Stadtgärtnerei gewillt, sich stetig weiterzubilden. Das sei nicht selbstverständlich, befindet Storrer.

Analog zu unter Schutz gestellten Kulturobjekten gibt es auch geschützte Naturobjekte, eben zum Beispiel Einzelbäume, Baumreihen oder auch Baumgruppen. Der Schutzplan der Stadt datiert jedoch aus dem Jahr 1999 und soll im Rahmen der anstehenden Ortsplanrevision angepasst werden. Es besteht die Möglichkeit, dass Eigentümer von Naturobjekten betreffend Unterhalt finanziell unterstützt werden.

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch