NACHRUF: Die Bananenfrau – ein Leben für mehr Gerechtigkeit

Am 23. März ist Ursula Brunner im Alter von 92 Jahren in Frauenfeld gestorben. Ihr Weg nahm vor über vierzig Jahren eine entscheidende Wende. Hinter ihr lag bereits ein bewegtes Leben als engagierte Pfarrfrau an der Seite ihres Mannes Eugen Brunner und als Mutter von neun Kindern.

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Ursula Brunner (1925-2017). (Bild: Archiv)

Ursula Brunner (1925-2017). (Bild: Archiv)

Die Auseinandersetzung mit den Lebenswegen ihrer Söhne und Töchter – insbesondere der tragische frühe Tod von zwei von ihnen – hat Ursula Brunner ein Leben lang geprägt. Selber war sie in einem bürgerlichen und sehr sozialen Elternhaus in Frauenfeld aufgewachsen. Seit 1966 lebte sie mit ihrer Familie wieder dort, im Pfarrhaus.

1973 kam dieser entscheidende Moment: Im Oktober zogen Ursula Brunner und einige Kolleginnen aus ihrer Frauenarbeit mit Leiterwagen voller Bananen und selbst verfassten Zeitungen los. Ein Film über die menschenunwürdigen Verhältnisse in den lateinamerikanischen Bananenplantagen hatte sie dazu bewogen. «Haben Sie auch schon darüber nachgedacht, warum Bananen so billig sind?», fragten die Frauen nun Passantinnen und Passanten. Die Frage nach einem gerechten Preis und einem fairen Handel stellte damals kaum jemand. Die Aktion der Pionierinnen löste eine Lawine aus. Die Migros-Direktion warf ihnen vor, sich in Utopien zu versteigen und Aggressionen gegen Multis zu schüren, «getränkt in falschem Mitleid» für Bananenpflanzerinnen und -pflanzer. Aber unzählige Basisgruppen weit über den Thurgau hinaus liessen sich anstecken. Die Frauenfelder Bananenfrauen, wie sie bald genannt wurden, trafen sich nun regelmässig an Mittwochvormittagen im Beisein ihrer herumkrabbelnden Kinder. Sie erarbeiteten sich ein enormes Wissen zum Bananenhandel und lancierten fantasievolle Aktionen. Es ging ihnen um kleine, konkrete Schritte hin zu mehr Gerechtigkeit und um die grosse Vision einer Weltwirtschaft ohne Ausbeutung.

Ursula Brunner reiste ab 1976 jedes Jahr für mehrere Wochen nach Zentralamerika und nach Kolumbien. Sie knüpfte Kontakte zu Arbeiterinnen und Arbeitern auf den Plantagen, zu Gewerkschaften und Frauenorganisationen, zu Bananenproduzenten und Regierungsbeamten, schliesslich zu europäischen Früchtehändlern und Grossverteilern in der Schweiz. Schon auf ihrer ersten Reise schaffte sie es auf eine Konferenz der bananenexportierenden Staaten.

Sie kam mit Ministern ins Gespräch: «Ich zitterte vor Angst, ich war ja nur eine Hausfrau, die nicht einmal eine Visitenkarte hatte», berichtete sie später. Es ging Ursula Brunner bei den Beziehungen auf allen Ebenen immer um die konkreten Menschen. Von ihnen lernte sie die komplexen Zusammenhänge der Agrarproduktion und des Welthandels zu verstehen, sie wurde zur Expertin. Mit ihnen suchte sie Alternativen.

1986 war es soweit: Auch als Reaktion auf das US-Embargo gegenüber Nicaragua begann die Frauenfelder Gruppe mit dem professionellen Import von «Nica-Bananen». Es waren die ersten in der Schweiz erhältlichen Bananen, die unter gerechten Bedingungen produziert worden waren. Die Bananenfrauen, die immer noch alles von ihren Privatwohnungen aus organisierten, waren tatsächlich «hartnäckig & unverfroren» – so lautete der Titel der gelungenen Jubiläumsausstellung zu vierzig Jahren Bananenfrauen 2013 in Frauenfeld, an der Ursula Brunner noch sehr aktiv mitgearbeitet hat.

Max-Havelaar-Bananen sind längst auch in der Migros angekommen – auch dank der Wegbereiterin Ursula Brunner. Sie war aktiv am Aufbau des Fair-Trade-Unternehmens Gebana AG beteiligt und erhielt zahlreiche Auszeichnungen für ihr Lebenswerk, so 2003 den Preis für Pionierleistungen der Landis&Gyr-Stiftung oder 2014 den Women’s Business Award der Hochschule Luzern. Bis zuletzt blieb sie kritisch: Fairer Handel dürfe nicht zum Lifestyle werden, der unser Gewissen beruhige; er bleibe nur glaubwürdig, wenn er ausbeuterische Verhältnisse immer wieder neu an der Wurzel anpacke und zu radikalen Veränderungen in der Wirtschaft und im Bewusstsein der Menschen führe.

1982 fand in Frauenfeld eine grosse Wehrschau der Armee statt. Die Bananenarbeit hatte Ursula Brunners Sicht auf die Welt unterdessen verändert: Für die bürgerliche Pfarrfrau bestand jetzt ein Zusammenhang «zwischen den Waffen bei uns, die letztlich unseren Wohlstand und Besitz verteidigen müssen, und der Angst und Bedrohung, der Besitzlosigkeit jener Menschen, denen ich in den Armenvierteln und Monokulturplantagen begegnet bin». Gewaltfreie Aktionen gegen die Wehrschau setzten Impulse für die weitere Arbeit von Friedensorganisationen in der Ostschweiz, aber auch für die «Frauen für den Frieden Schweiz», wo Ursula Brunner über Jahre hinweg sehr aktiv war. Aber das damalige Friedenscamp löste auch sehr heftige Reaktionen aus. Die FDP wollte Ursula Brunner aus der Partei ausschliessen, was die Basis vorerst verhinderte. 1972 war sie als erste Frau ihrer Partei in den Thurgauer Grossen Rat gewählt worden. Sie wählte diese Partei aufgrund ihres Selbstverständnisses: «Ich bin ein bürgerlicher Mensch. Wir müssen uns verändern.» 1984 wurde die Rebellin nicht mehr zur Wiederwahl aufgestellt.

Niederlagen, Verletzungen und Zweifel, auch an sich selbst, wusste sie in ihrem christlichen Glauben aufgehoben: «Gerechtigkeit ist die Vision, die ich mit mir getragen habe. Sie bekam einen stärkeren Gehalt in der Auseinandersetzung mit der Bibel. Wenn die Reichen den Armen immer wieder nehmen, was ihnen gehören würde, ist dies nicht in Ordnung. Ich will den Glauben nicht aufgeben, dass Gott möchte, dass es anders ist.» Ursula Brunner hat mit ihrem Kampf viele Männer und vor allem Frauen geprägt, ermutigt, ab und zu auch irritiert. Grosse Dankbarkeit für ein solches Leben und die Erfahrung, dass kleine Schritte die Welt tatsächlich verändern können, verbindet sie weiter.

Matthias Hui

Theologe, Redaktor der Zeitschrift «Neue Wege» und Menschenrechtsexperte bei « humanrights.ch »