Nachfrage nach Sterbehilfe steigt

FRAUENFELD. Um die 3000 Thurgauerinnen und Thurgauer sind Mitglied im Verein Exit, der Sterbewillige in den Tod begleitet. Die Zahl der tatsächlichen Suizidbeihilfen steigt entsprechend – bewegt sich aber noch auf tiefem Niveau.

Christof Widmer
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Eine tödliche Dosis des Schlafmittels Natrium-Pentobarbital in Wasser gelöst führt von Exit begleitete Sterbewillige in den Tod. (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

Eine tödliche Dosis des Schlafmittels Natrium-Pentobarbital in Wasser gelöst führt von Exit begleitete Sterbewillige in den Tod. (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

13 Menschen beendeten im Thurgau 2013 ihr Leben mit Unterstützung der Sterbehilfeorganisation Exit. Es handelt sich um Leute, deren Krankheitsprognose hoffnungslos ist, oder die unter unerträglichen Beschwerden leiden. Eine tödlich Dosis eines Schlafmittels lässt sie in den Tod gleiten. Die Zahl der Menschen, die diesen Weg wählen, steigt. 2012 waren es sieben, 2009 erst vier.

Diese Zahlen der Staatsanwaltschaft sind aber nicht vollständig. Sie beziehen sich nur auf die Sterbehilfen, die auf Kantonsgebiet geleistet worden sind. Tatsächlich liessen sich 2013 nämlich 17 Menschen aus dem Thurgau von Exit in den Tod begleiten. Diese Zahl gibt die Organisation selber bekannt. Sie erfasst auch jene Thurgauerinnen und Thurgauer, die ausserhalb des Kantons die Dienste von Exit in Anspruch genommen haben. Exit habe nicht zu allen Alters- und Pflegeheimen Zugang, sagt Geschäftsführer Bernhard Sutter. «Dann weichen die sterbewilligen Menschen zum Beispiel ins Haus ihrer erwachsenen Kinder aus, die in einem anderen Kanton wohnen können.»

Der Staatsanwalt ermittelt

Exit ist die einzige Sterbehilfeorganisation, die 2013 im Thurgau tätig war. So weist es die Staatsanwaltschaft in ihrer Statistik aus. Die Fälle für 2014 haben weder Staatsanwaltschaft noch Exit bereits aufbereitet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bei jedem Sterbehilfe-Fall automatisch. Solche Todesfälle sind meldepflichtig. Meist ist es der Sterbebegleiter, der die Behörden informiert.

Die Ermittler prüfen, ob die rechtlichen Bedingungen für die Sterbebegleitung eingehalten wurden. In der Regel gebe es keine Einvernahmen, sagt Barbara Reifler, stellvertretende Mediensprecherin der Staatsanwaltschaft Thurgau. Beurteilt werde die Krankengeschichte. Der Staatsanwalt achte darauf, ob es sich um eine schwere Krankheit gehandelt habe, die grosse Schmerzen verursacht habe. «Von besonderer Bedeutung ist, ob der Verstorbene das Medikament selbst einnehmen konnte.» Nur, wenn der Verstorbene das Schlafmittel selber einnimmt, handelt es sich um legale passive Sterbehilfe (Kasten).

Bisher hat die Staatsanwaltschaft alle Ermittlungen abgeschlossen, ohne ein Strafverfahren zu eröffnen. «Im Thurgau sind die Voraussetzungen ausnahmslos eingehalten worden. Andere Fälle sind uns nicht bekannt», sagt Reifler.

Den Kontakt mit den Thurgauer Behörden bezeichnet Exit-Geschäftsführer Sutter als «sehr gut». Exit erstelle jeweils eine saubere Dokumentation mit der Krankengeschichte, Diagnosen und dem Nachweis, dass die begleitete Person urteilsfähig war, als sie das Schlafmittel zu sich nahm. «Die Ermittlungen sind vor allem für die Angehörigen belastend», sagt Sutter. Häufig sind sie in den letzten Stunden beim Menschen, der aus dem Leben scheidet, nehmen Abschied und trauern um den Verstorbenen. Ermittler im Haus kommen da ungelegen.

Sutter geht davon aus, dass die Zahl der Sterbehilfe-Fälle weiter steigen wird. Exit gewinnt laufend Mitglieder. Für den Thurgau schätzt er heute 3000 Mitglieder. Bei weitem nicht alle werden auch den Freitod wählen. Exit beschäftigt mittlerweile landesweit 35 Sterbehelferinnen. Eine wohnt im Thurgau.

Palliative Care als Alternative

Die ehemalige Arboner Kantonsrätin Marlies Näf-Hofmann stimmt diese Entwicklung traurig. Auf ihre Initiative hin ist im Thurgau die Palliative Care ausgebaut worden. Näf-Hofmann sieht dieses Angebot als Alternative zur Sterbehilfe. Palliative Care bedeutet, dass Menschen mit schweren, unheilbaren Krankheiten zu Hause, in Spitälern oder anderen Institutionen gepflegt werden. Sie sollen den Umständen entsprechend eine optimale Lebensqualität bis zum Tod bekommen – das schliesst die Schmerzbehandlung ebenso ein wie psychologische oder spirituelle Unterstützung.

Der Kanton hat in den letzten vier Jahren die Aus- und Weiterbildungen im Bereich der Palliative Care für das Personal von Spitex und Pflegeheimen oder für Hausärzte gefördert. Die Zunahme der Sterbehilfe-Fälle im Thurgau führt Näf-Hofmann darauf zurück, dass Exit eine grosse Beachtung findet – auch durch Fälle wie jenen des ehemaligen Glarner Ständerats This Jenny. So entstehe eine «Mentalität der Euthanasie», sagt Näf-Hofmann. Palliative Care bedeute dagegen Hinwendung zum Menschen. «Das ist eine ganz andere Mentalität.»

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