MÜNSTERLINGEN: Apéro in totaler Finsternis

Die «UnsichtBar» im Internationalen Blindenzentrum Landschlacht ist ungewöhnlich. Die Gäste sehen nichts und werden von Blinden bedient. Für die Institution ist sie gute Werbung und Nebeneinnahmequelle.

Nicole D’orazio
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Hereinspaziert: Roland Gruber steht in der Tür zur «UnsichtBar». Dahinter ist es dunkel. (Bild: Reto Martin)

Hereinspaziert: Roland Gruber steht in der Tür zur «UnsichtBar». Dahinter ist es dunkel. (Bild: Reto Martin)

Nicole D’Orazio

nicole.dorazio

@thurgauerzeitung.ch

Es ist stockdunkel. Den Bartisch und sein Glas muss man ertasten. In der «UnsichtBar» des Internationalen Blindenzentrums (IBZ) in Landschlacht können Gäste erleben, wie es sein könnte, blind oder sehbehindert zu sein. Für die Barkeeper ist die Situation Alltag. «Für einmal finden wir uns besser zurecht als die Sehenden», sagt Roland Gruber, stellvertretender Direktor, der selber sehbehindert ist. Bei den meisten Anlässen in der «UnsichtBar» ist er mit dabei. Die Arbeit macht ihm grossen Spass. Nebst ihm helfen sechs Blinde aus der Region freiwillig mit.

Die Idee mit der Bar ist vor rund zehn Jahren entstanden. Firmen und Vereine starten oft ihren Teamanlass in völliger Dunkelheit. «Wer nicht will, muss natürlich nicht rein», versichert Gruber. Das komme selten vor. «Es gibt Gäste, die sich überwinden müssen und danach froh sind, dass sie sich getraut haben, und es eine besondere Erfahrung für sie war.» Wenn jemand unsicher sei, würde er sich speziell um die Person kümmern. Er geleite auch jeden sofort raus, der sich unwohl fühlt. «Der Mehrheit gefällt es aber, etwas Neues zu erleben.»

Die Bar dient auch, um Hemmungen abzubauen

Das zeige auch die Mund-zu-Mund-Propaganda. Denn das IBZ macht kaum Werbung für die Bar. Letztes Jahr waren rund 60 Gruppen zu Gast – in Kombination mit einem Abstecher in die Blindenbibliothek und einem feinen Essen. «Für uns ist die Bar eine wichtige und gute Nebeneinnahmequelle. Sie ist für uns aber auch ein Türöffner, was die Öffentlichkeitsarbeit angeht.» So kommen Leute ins IBZ, die sonst kaum den Weg dorthin finden würden. «Es ist wichtig, dass wir wahrgenommen werden.» Viele im Dorf würden noch heute meinen, dass das IBZ ein Blindenheim wäre. «Das stimmt aber nicht. Bei uns ist keine Rundumbetreuung möglich. Wir sind eine gemeinnützige Stiftung, die eine Hotellerie für Blinde und Menschen mit einer Beeinträchtigung betreibt.» Natürlich seien auch alle anderen Gäste willkommen, sagt Gruber.

Die «UnsichtBar» hat kürzlich eine Aufwertung erfahren. Die Lions Clubs Luxburg-Bodensee, Rorschach, Oberthurgau und Kreuzlingen haben ihr dazu verholfen. «Im Rahmen ihres 100-Jahr-Jubiläums haben uns die Lions Clubs etwas Gutes tun wollen. Nicht einfach nur Geld geben, sondern selbst Hand anlegen», erzählt Gruber.

Schönerer Eingangsbereich und besserer Ablauf

Zuerst hätten die Lions-Mitglieder Geld gesammelt und dann an drei Samstagen vor Ort gewirkt. «Der Eingangsbereich war vorhin sehr trist. Nun haben wir ein sehr schönes und freundliches Foyer mit einer Garderobe und einem Schrank für die Wertsachen erhalten. Das ist super», sagt der Vize-Direktor erfreut. Auch im Rauminnern hat sich einiges geändert. Die Bar wurde verschoben, damit sich für die Blinden bei der Arbeit die Abläufe vereinfachen. «Wir haben schönere und hochwertigere Materialien erhalten.» Allgemein wurden die ­Decken, der Boden und das Elektrische verbessert. «Wir sind den Lions Clubs dankbar. Für uns Barkeeper ist die Arbeit einfacher geworden.» Ob es für die Gäste einen Unterschied macht, kann er nicht sagen. «Sie wissen ja nicht, wie es in der Bar aussieht. Denn dieses Geheimnis wollen wir auf jeden Fall bewahren.»