Müller gegen das eingespielte Duo

Nach Bekanntgabe seiner Kandidatur für den Ständerat meinen Politbeobachter, SVP-Nationalrat Thomas Müller habe zwar gewisse Chancen. Sie weisen aber gleichzeitig darauf hin, dass die Abwahl von Ständeräten eher selten sei.

Richard Clavadetscher
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ST. GALLEN. «Im interkantonalen Vergleich sind Karin Keller-Sutter und Paul Rechsteiner sicher ein prominentes Duo», sagt der Zürcher Polit-Geograph Michael Hermann, auf die St. Galler Vertretung im Ständerat angesprochen. Beide Parlamentarier hätten «den Rollenwechsel gut hinbekommen» und bereits «auf ihre Art Spuren hinterlassen».

Der St. Galler Bruno Eberle, seit vielen Jahren Beobachter der Ostschweizer Politszene, macht eine ähnliche Einschätzung: «Beide Ständeräte sind durch ihre Arbeit in Bern präsent in den Medien und damit auch in den Köpfen der Leute.» Der im letzten Wahlkampf für viele überraschend gewählte Paul Rechsteiner habe durch seine Arbeit im Stöckli sicher keine Wähler verloren, sondern die Wählerbasis eher noch verbreitern können, ergänzt Hermann.

Seit dem Wochenende ist nun offiziell, dass der Rorschacher Stadtpräsident und Nationalrat Thomas Müller und mit ihm die SVP bei den Ständeratswahlen im Herbst 2015 die Zusammensetzung der so gerühmten St. Galler Standesvertretung gleichwohl ändern wollen: Müller hat wie erwartet seine Kandidatur bekanntgegeben.

«Grosse müssen, Kleine sollten»

Der Rorschacher Stadtpräsident wird nicht der einzige Herausforderer Keller-Sutters und Rechsteiners sein; auch die CVP will in diesem Wahlkampf mittun. Nach Meinung Eberles ist die Teilnahme indes nicht nur für die grossen Parteien ein Muss, auch die kleinen dürften sich eine Teilnahme überlegen: «Der Nationalratswahlkampf wird unübersichtlich sein. Die Medien werden deshalb wohl auf den Ständeratswahlkampf fokussieren.» So sei es auch für eine kleine Partei sinnvoll, wenn ihr Kandidat oder ihre Kandidatin – trotz wenig Erfolgschancen – an Podien präsent sei. «Das ist eine Investition in die Zukunft.»

Apropos Erfolgschancen: Im Visier der SVP steht natürlich der SP-Sitz, der Sitz Rechsteiners. Und sowohl Hermann als auch Eberle sehen Müller zwar nicht von vornherein chancenlos – aber sie betonen, dass es «schwierig ist gegen zwei Bisherige» (Eberle) und «Ständeräte sehr selten abgewählt werden» (Hermann). Immerhin sei Müller in der Stadt St. Gallen und in Rorschach sehr gut vernetzt, sagt Eberle – und auch im Rest des Kantons kein Unbekannter. Hermann meint, dass Müller bessere Wahlchancen haben dürfte als das Schwergewicht Toni Brunner. Der letzte Wahlkampf habe ja gezeigt, dass gerade die SVP-Granden nicht reüssiert hätten beim «Sturm aufs Stöckli». Dass Müller von der CVP zur SVP wechselte, möge vielleicht ein Handicap sein, so Hermann, es zeige anderseits aber auch, dass der Rorschacher Verbindungen über die SVP hinaus habe. Hermann schliesst darum nicht aus, dass Müller auch in CVP-nahen Kreisen Stimmen machen kann.

Versäumnis der CVP

Und die CVP? Nachdem diese Partei schon vor drei Jahren Michael Hüppi «aus dem Hut zaubern» musste, habe sie es erneut versäumt, frühzeitig eine Kandidatin oder einen Kandidaten aufzubauen, sagt Eberle.

Tatsächlich spricht viel dafür, dass sich die CVP trotz bereits erfolgter Ankündigung erneut schwertun wird mit der Kandidatenkür: Von den beiden in Frage kommenden CVP-Regierungsräten Martin Gehrer und Benedikt Würth will der eine nicht – und der andere dem Vernehmen nach noch nicht. «Sollten Gehrer und Würth einmal als Regierungsräte zurücktreten, könnte der Ständerat ein Thema für sie sein», prophezeit Eberle. Dies aber erst dann, wenn Paul Rechsteiner seine Politlaufbahn beenden wird.

Bleibt der CVP aus heutiger Sicht der Altstätter Nationalrat und Bauernverbandspräsident Markus Ritter. Der Bauern-Lobbyist polarisiere jedoch, meint Eberle. Ritter werde in der Stadt wohl nicht allzu viele Stimmen machen – «und auf dem Land sind die Bauern heute ja auch nicht mehr sehr zahlreich». Ob die CVP aus purer Not erneut zum Hut-Zauber greifen muss?

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