Mühe mit Prämien-Schuldnern

Menschen, die ihre Krankenkassenprämien nicht bezahlen, bekommen neuerdings Besuch. Im Thurgau müssen sich die Gemeinden um säumige Zahler kümmern. Der Aufwand für diese Arbeit ist gross, der Erfolg nicht immer gegeben.

Inge Staub
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Roger Haefner: Case-Manager für Schuldner in Weinfelden. (Bild: Nana do Carmo)

Roger Haefner: Case-Manager für Schuldner in Weinfelden. (Bild: Nana do Carmo)

FRAUENFELD. Roger Haefner ist nicht nur Leiter der Einwohnerdienste in Weinfelden. Seit wenigen Monaten hat er auch ein 20-Prozent-Pensum als Case Manager – das heisst, er betreut Menschen, die ihre Krankenkassenprämien nicht bezahlt haben.

Mehr und mehr Gemeinden setzen einen solchen Case Manager ein. Güttingen hat ebenfalls 20 Stellenprozente geschaffen. Eschenz und Kreuzlingen verfügen auch über eine Case Managerin. Die steigende Zahl der Schuldner erfordert, dass sich in den Gemeindeverwaltungen eine bestimmte Person, den Prämienfällen annimmt. Inzwischen liegen erste Erfahrungen vor. «Der Aufwand für diese Aufgabe ist sehr hoch», sagt Heidi Springmann, Gemeinderätin in Eschenz.

Kein Anspruch auf Leistung

Wer die Prämie nicht zahlt, bekommt von der Krankenkasse eine Mahnung. Geht das Geld nicht ein, kündigt die Kasse an, dass sie die Betreibung einleiten wird und meldet den Schuldner einer zentralen Stelle in Frauenfeld. Diese führt im Auftrag des Kantons eine Liste säumiger Prämienzahler. Wer auf dieser Liste landet, hat nur im Notfall Anspruch auf ärztliche Leistung. Wie Susanna Schuppisser Fessler, Leiterin des kantonalen Gesundheitsamtes, sagt, stehen derzeit 6637 Personen auf der Liste – Tendenz steigend. Die kantonale Stelle gibt die Namen der säumigen Zahler an die jeweilige Wohngemeinde weiter. Dann kann ein Case Manager aktiv werden.

«Zuerst nehme ich brieflich mit dem Betroffenen Kontakt auf und bitte ihn, sich bei mir zu melden», sagt Roger Haefner. Im Gespräch versucht er herauszufinden, weshalb ein finanzieller Engpass besteht und ob Bemühungen vorhanden sind, diesen zu beheben. «Ich versuche mir ein Bild über die Umstände zu machen, denn meist sind die Krankenkassenprämien nicht die einzigen Ausstände.» In aller Regel steckt bei säumigen Zahlern Arbeitslosigkeit oder Trennung hinter den Schulden.

Hört Haefner indes nichts vom säumigen Zahler, verschickt er im Abstand von jeweils vier Wochen zwei weitere Briefe. Bleiben diese ebenfalls ohne Reaktion, nimmt er telefonisch Kontakt auf oder sucht den Schuldner daheim auf. «Dann stehe ich vor der Türe und läute», sagt Haefner.

Auf den ersten Brief meldet sich ein Drittel der Angeschriebenen. Bei der Mehrzahl muss er nachhaken. «Ein mühsames Geschäft», sagt der Case Manager. Es kann auch sein, dass in der Zwischenzeit die Betreibung erfolgt. Kommt auch das Betreibungsamt nicht zu Geld, stellt es einen Verlustschein aus.

«Ziel ist, dass die Gemeinden dem Schuldner helfen, bevor ein Verlustschein ausgestellt wird, denn dann ist das Kind schon in den Brunnen gefallen», sagt Schuppisser Fessler vom kantonalen Gesundheitsamt. «Die Gemeinde Eschenz hat ein grosses Interesse daran, die Entstehung von Verlustscheinen zu verhindern, um die Allgemeinheit nicht noch mehr zu belasten», sagt Heidi Springmann. Denn zu den Prämien kämen auch noch die Betreibungskosten hinzu.

Seit dem 1. Januar 2012 müssen die Gemeinden im Kanton Thurgau Verlustscheine für ausstehende Krankenkassenprämien mit 87 Prozent der ausstehenden Summe übernehmen. Kostenübernahmen will man vermeiden, wenngleich die Gemeinde die einzelnen Schulden dann nur vorfinanziert.

Die Hälfte zahlt zurück

Die Stadt Arbon übernahm letztes Jahr bei 60 Personen die Ausstände bei der Krankenkasse. Von den Versicherten werden die übernommenen Ausstände in Raten zurückgezahlt. Gegenwärtig liegt die Rückerstattungsquote bei rund 50 Prozent. Der Kanton unterstützt die Gemeinden mit Beiträgen aus den Mitteln der Individuellen Prämienverbilligung.

Heidi Springmann geht davon aus, dass die Case Managerin in Eschenz zu 50 Prozent erfolgreich ist. «Deshalb lohnt sich ihr Einsatz auf jeden Fall.» Auch die Stadt Frauenfeld ist mit dem neuen System zufrieden. Sie habe «erfreuliche Rückzahlungsquoten zu verzeichnen», teilt Andreas Anderegg, Leiter Dienststelle Kommunikation, mit.

Esther Schwarz, Leiterin der Amriswiler Sozialversicherungsdienste und somit Case Managerin, betont, dass es darum gehe, ein Zeichen zu setzen. «Es kann nicht sein, dass wir es einfach hinnehmen, wenn jemand die Krankenkassenprämie nicht zahlt.» Die Reaktionen der säumigen Prämienzahler fielen unterschiedlich aus: «Manche staunen, warum wir das wissen, andere sind sogar froh, dass sich endlich jemand um sie kümmert.»

Skeptischer tönt's aus Romanshorn. «Bei Personen, die erfolglos betrieben wurden und durch Lohnpfändung auch nichts mehr zu holen war, ist es fraglich, ob die Sozialbehörde hier erfolgreicher ist und das Case Management etwas bringt», sagt Gemeinderat Peter Eberle. Etwas anders liege der Fall bei Personen, die fürsorgeabhängig seien: hier könne die Behörde die Krankenkassenprämie direkt zahlen. Romanshorn rechnet damit, jährlich rund 400 000 Franken aus eigener Tasche berappen zu müssen.

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