Motorenlärm ist nicht alles

Der Bauernsohn Thomas Hofmann organisiert in Warth-Weiningen sein fünftes Motocross. Was als Plausch begann, hat sich mittlerweile zu einem zweitägigen Event ausgewachsen. Das Budget beträgt stolze 50 000 Franken.

Beat W. Hollenstein
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Kann's kaum erwarten, bis es losgeht: Thomas Hofmann auf der Weierwiese. Hier wird die Motocross-Piste angelegt. (Bild: Nana do Carmo)

Kann's kaum erwarten, bis es losgeht: Thomas Hofmann auf der Weierwiese. Hier wird die Motocross-Piste angelegt. (Bild: Nana do Carmo)

Warth-Weiningen. Noch steht der reife Weizen golden da, Obstgärten und Haine geben der Weierwiese in Warth-Weiningen weitere Konturen. Etwas oberhalb geniesst SVP-Nationalrat und Unternehmer Peter Spuhler eine prächtige Alpensicht.

Ende Juli wird das Feld abgeerntet sein, dann ist für zwei Tage Schluss mit Ruhe und Beschaulichkeit. Motocrössler werden auf dem Stoppelfeld ihre Runden drehen. Organisiert wird das Spektakel von Thomas Hofmann auf dem Land seines Vaters. Und fast im Alleingang. Damit er Kopf und Hände frei hat für das Motocross, hat der 27-Jährige seine Bude, eine Heizungs- und Klimatechnikfirma, für fünf Wochen dichtgemacht.

OK-Sitz ist der elterliche Hof bei der Thurbrücke, den der gelernte Automonteur in einem Jahr übernehmen wird. Als Nebenerwerbsbauer will er auf dem 13 Hektaren grossen Betrieb Ackerbau betreiben. Hofmann freut sich darauf, hoch auf dem Traktor ist ihm ebenso wohl wie im Töffsattel.

Entscheidende Wende

Die Kindheit als Bauernsohn war unbeschwert. «Doch mit 19 Jahren bin ich auf einen Schlag erwachsen geworden», erzählt Thomas Hofmann. Epileptische Anfälle krempelten sein Leben total um. Er durfte vorübergehend nicht mehr Auto fahren, musste den Job wechseln, und noch heute ist er auf Medikamente angewiesen, um die Anfälle zu unterdrücken. «Damit war's vorbei mit Easy Life, ich musste mich intensiv mit meinem Körper befassen, mit den Signalen, die er aussandte.»

Zuvor galt: Hauptsache Motor. Der weisse Puch Maxi seiner drei Jahre älteren Schwester Priska war sein erstes Objekt der Begierde – sehr zum Missfallen der Besitzerin. Mit 14 bretterte der Draufgänger erstmals mit einem Motocrosstöff querfeldein. Mit 18 besass er seine erste Maschine, eine KTM 125, die er sich buchstäblich vom Mund abgespart hatte. Seither war und ist er mit seinem Wohnmobil viele Wochenenden unterwegs in halb Europa, von Südfrankreich bis Tschechien, um zu trainieren. «Mit der nationalen Elite konnte ich zwar nie mithalten, aber in den Clubrennen war ich immer bei den Leuten», sagt er.

Viermal draufgelegt

2006 veranstaltete er zusammen mit ein paar Kollegen das erste Motocross auf der Weierwiese, mit 30 Fahrern und ein paar Handvoll Zuschauern aus dem Dorf. Ein Plauschanlass. «Nach den Rennen hockten alle noch bis spät in die Nacht um ein Feuer und liessen es sich bei Speis und Trank gut gehen.» Der eintägige Anlass wuchs, und bei der vierten Auflage im letzten Sommer waren bereits 55 Fahrer und rund 250 Zuschauer dabei. Aber nach dem Kassensturz musste Hofmann noch jedesmal drauflegen.

Das soll sich diesmal ändern: Hofmann und seine beiden Mitstreiter Antje Eichhorn und Roger Schellenbaum richten mit der grossen Kelle an. Erstmals verliess sich das Trio nicht mehr nur auf Mundpropaganda und gut Glück, sondern lud die Motocrössler per SMS und Flyer nach Warth-Weiningen ein. Diese liessen sich nicht zweimal bitten: Das Fahrerlager dürfte sich mit rund 300 Fahrern füllen.

Budget beträgt 50 000 Franken

Das Budget beträgt heuer 50 000 Franken, gegenüber einem mittleren dreistelligen Betrag bei der ersten Austragung. Dieses soll mit den Start- und Sponsorengeldern gedeckt werden, nicht aber mit Eintritten. Denn die Besucher – Hofmann erwartet 1500 – brauchen das Portemonnaie erst in der Festwirtschaft zu öffnen.

Die nötigen Bewilligungen hat Hofmann alle im Sack, bei den Nachbarn ist er persönlich vorbeigegangen – und auf viel Goodwill gestossen. Für Hofmann ein Zeichen, «dass die Dorfbevölkerung uns Jungen etwas zutraut».

Je näher der Anlass rückt, desto unruhiger wird sein Schlaf. «Wir sind zwar im Zeitplan, aber es fallen einem noch tausend Sachen ein, die es zu erledigen gilt.» Immerhin wollen nicht weniger als 54 Auflagen eingehalten werden. Wieso nimmt er den Stress auf sich? «Aus Leidenschaft.» Weil der Sport cool sei. Und ein wenig wohl auch deshalb, weil er sich und anderen beweisen möchte, dass einer mit Epilepsie voll leistungsfähig ist.

Erlös wird gespendet

Sollte ein Gewinn rausschauen, will Hofmann das Geld unter anderem der Schweizerischen Liga gegen Epilepsie zukommen lassen sowie einem Kinderhilfswerk in der peruanischen Hauptstadt Lima. Dieses wird von der Chrischona-Gemeinde betrieben, bei der er Mitglied ist.

Während des zweitägigen Anlasses schwillt die Anzahl Helfer auf gegen hundert an. Darunter sind viele Kollegen aus dem Dorf, und auch diesmal will Hofmann Schüler ab der 4. Klasse rekrutieren. «Ohne sie wäre das Motocross nicht durchführbar.» Die Buben und Mädchen würden die Mithilfe als willkommene Ferienabwechslung betrachten, obwohl es nichts zu verdienen gebe. Immerhin müssen sie weder verhungern noch verdursten. Bereits abgeblitzt ist Hofmann bei den örtlichen Vereinen. «Für das Führen der Festwirtschaft hätten sie 2000 Franken erhalten», sagt er. Keiner wollte mitmachen.

Und der Umweltschutz? «Dieser ist auch mir wichtig, schliesslich werde ich als Bauer von dem leben, was der Boden hergibt», versichert Hofmann. Er ist überzeugt, dass sich die Bodenstruktur nach dem Pflügen über den Winter wieder erholt. Und keiner im Dorf muss sich vor Staubwolken fürchten. Denn die Piste soll bei Bedarf bewässert worden. «Aus ureigenem Interesse», wie Thomas Hofmann sagt. «Sonst würde ich bis zu zwei Tonnen beste Erde verlieren.»

Falls wiederum ein Loch in der Kasse resultieren sollte, will Hofmann die Schulden aus dem eigenen Sack begleichen und im nächsten Jahr in der Manier eines Stehaufmännchens weitermachen. «Ich brauche nicht viel zum Leben», versichert er. Und: «Der Spass ist es mir wert.» Man glaubt ihm.

Warth-Weiningen, 30. und 31. Juli (Verschiebedatum: 6./7. August)