MOTOCROSS FRAUENFELD-GACHNANG: Sprung aufs politische Parkett

Umweltverbände leisten erneut Widerstand gegen die Motocross-WM in Niederwil. Zudem verlangt ein Kantonsrat Antworten der Regierung. Beim Kanton läuft derweil das Bewilligungsverfahren für die Rennen 2018.

Samuel Koch
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Tausende Zuschauer jubeln beim Motocross-WM-Rennen in Niederwil dem Thurgauer Yves Furlato zu. (Bild: Andrea Stalder)

Tausende Zuschauer jubeln beim Motocross-WM-Rennen in Niederwil dem Thurgauer Yves Furlato zu. (Bild: Andrea Stalder)

Samuel Koch

samuel.koch@thurgauerzeitung.ch

Der Gegenwind bläst. Die Opposition gegen den Motocross-Grand-Prix of Switzerland (MXGP) in Niederwil, der im August 2018 zum dritten Mal en suite auf der provisorischen Anlage «Schweizer Zucker» in Niederwil durchgeführt werden soll, ist nicht neu. Sie erhält aber eine andere Dimension. Nachdem sich Anwohner und Umweltverbände bereits gegen die ersten zwei Veran­staltungen zur Wehr setzten, hat kürzlich Kantonsrat Toni ­Kappeler im Grossen Rat eine Einfache Anfrage eingereicht (siehe Text unten).

Bei den zwei Anlässen 2016 und 2017, bei welchen die weltbesten Motocross-Fahrer um WM-Punkte kämpften, pilgerten jeweils bis zu 30 000 Zuschauer an den Streckenrand. Bewilligt wurde der Anlass und der Bau der Anlage jeweils mittels Veranstaltungsbewilligung vom kantonalen Departement für Justiz und Sicherheit (DJS).

Seit Anfang November hat die private Veranstalterfirma MXGP Suisse AG um Willy Läderach – früher als in den beiden vorhergehenden Jahren – beim DJS das Gesuch für die WM-Rennen 2018 eingereicht, was wiederum die Umweltverbände VCS, WWF und Pro Natura auf den Plan rief. "Beim Bau von Tribünen und einer Strecke mit Sprüngen handelt es sich rechtlich um keine Grauzone mehr", sagt Peter Wildberger, Präsident der VCS-Sektion Thurgau. Die Bewilligung für den MXGP trotz schweizweiten Verbots von Motorsport-Rundrennen mit der Verordnung zum Thurgauer Strassenverkehrsgesetz zu legitimieren, und den Anlass mit einem Tractor-Pulling oder einem Mountainbike-Rennen zu vergleichen, sei verfehlt. "Bei einem Anlass mit so vielen Zuschauern, viel Lärm und Verkehr handelt es sich definitiv um eine ganz andere Kategorie", meint Wildberger. Nach dem MXGP 2017 haben sich die Umweltverbände juristischen Beistand gesucht und schlossen sich mit den Anwohnern des Parcours zusammen, die sich nach den Rennen 2016 ihrerseits mit einer Petition gegen "ohrenbetäubenden Lärm und bestialischen Benzingestank" wehrten.

Noch fehlen einzelne ­Stellungnahmen

Beim Kanton läuft derzeit das Anhörungsverfahren für das Gesuch der Rennen 2018, wie DJS-Generalsekretär Stephan Felber auf Anfrage sagt. "Wir warten noch Stellungnahmen einzelner Ämter ab." Es sei möglich, dass diese nebst den bisher rund 35 Auflagen für die Veranstalter weitere Anträge einreichen. "Danach muss der Veranstalter nochmals angehört werden", sagt ­Felber. Auf das laufende Ver­fahren, das er als "absolut pendent" bezeichnet, habe der ­politische Vorstoss von Kantonsrat Kappeler kaum Einfluss. "Dabei handelt es sich um Ver­gan­genheitsbewältigung", meint Felber, denn die bisherigen Bewilligungen seien so oder so rechtskräftig.

MXGP Sonntag 2017 (Bild: Andrea Stalder)
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MXGP Samstag (Bild: Andrea Stalder)
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Frauenfeld TG - MXGP Impressionen vom Samstag Mittag. Im Fahrerlager - Paddock. (Bild: Andrea Stalder)
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Frauenfeld TG - MXGP Impressionen vom Samstag Mittag. Im Fahrerlager - Paddock. (Bild: Andrea Stalder)
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MXGP Sonntag 2017 (Bild: Andrea Stalder)

Im Vorstoss werde unter anderem geltend gemacht, dass ein Motocross-Anlass eine Baubewilligung erfordere. "Wenn das effektiv zutreffen sollte, wären alle bisherigen Motocross-Anlässe in Frauenfeld oder Amriswil während rund 50 Jahren im falschen Verfahren bewilligt worden", sagt Felber. Das gelte auch für viele weitere motorsportliche Anlässe, die nicht auf einer Strasse stattfinden. "Müssten für alle diese Veranstaltungen vorgängig ein Baubewilligungsverfahren durchgeführt werden, wäre dies wohl das Ende zahlreicher An­lässe", meint Felber. Vielleicht sei es in Zukunft Aufgabe der Gerichte, sich mit den Bewilligungsverfahren zu beschäftigen.

Weniger Kulturland auf der Anlage "Schweizer Zucker"

OK-Präsident Willy Läderach kann die Kritik der Umwelt­verbände nicht nachvollziehen. "Eigentlich sollten sie uns um den Hals fallen", sagt er. Es sei unverständlich, dass die MXGP-Gegner nicht kapierten, dass sich die Situation gegenüber den Rennen im Schollenholz massiv verbessert hat. "Im Schollenholz benötigten wir 20 Hektaren Kulturland mit Fruchtfolgefläche, in Niederwil sind es lediglich noch sechs", sagt Läderach. Zudem werde das Land von Landwirt Jörg Herzog während elf Mo­naten im Jahr als Weideland genutzt.

Seit dem eingereichten Gesuch beim Kanton und dem Wortgefecht zwischen Anwohner Alexander Kutter und dem MXGP-OK Ende November bei einem öffentlichen Anlass habe sich für Läderach nichts mehr ­getan. Das Gesuch für die Rennen 2018 werde jetzt von den kommunalen und kantonalen Be­hörden bearbeitet. "Wir rechnen mit einem Entscheid bis im Februar", sagt er und glaubt, dass es aufgrund der erfüllten Auflagen und eingereichten Unterlagen keinen Grund gebe, nicht erneut eine Bewilligung für die WM-Rennen zu erhalten.

Stephan Felber vom DJS re­lativiert diese Aussage: "Eine ­Garantie gibt es keine."

"Motocross staatlich gefördert"

Um Antworten von der Regierung zu erhalten, hat Toni Kappeler (Grüne) an der Sitzung Ende November im Grossen Rat eine Einfache Anfrage mit dem Titel «Motocross staatlich ge­fördert» eingereicht. Demnach seien Motorsportanlässe wie derjenige in Niederwil klar klimaschädlich. "Dennoch bewilligte der Regierungsrat bereits zweimal den Motocross-Anlass, der Erdbewegungen in der Landwirtschaftszone mit Fruchtfolge­fläche von 600 LKW-Ladungen verursacht", schreibt Kappeler. Wenn ein Boden für Tribünen mit schweren Baumaschinen befahren und so verdichtet werde, benötige es Jahre, bis sich der Boden mit seinen Mikroorganismen wieder erholt.

Weiter stellt Kappeler die Bewilligungspraxis für die zwei ­bisherigen Motocross-Anlässe in Frage. Ausserhalb des Baugebiets sei eine Baubewilligung nicht denkbar, welche die Gemeinde Gachnang 2016 abgelehnt hatte. "Deshalb wird nun schon zum dritten Mal in Serie versucht, das Raumplanungsgesetz auf dem Umweg über strassenpolizeiliche Bewilligungen zu umgehen in der Hoffnung, damit irgendwann eine Akzeptanz für die rechts­widrigen Zustände zu erzwingen", schreibt Kappeler, der Pro Natura Thurgau präsidiert.

Kritische Fragen zum ­Bewilligungsverfahren

Insgesamt richtet Kappeler sieben Fragen in Richtung Regierungsrat. Er will etwa wissen, wie es möglich ist, dass der Kanton zwei Motocross-Anlässe bewilligte, ohne dabei das raumplanungsrechtlich vorgeschriebene Bau­bewilligungsverfahren durchzuführen. Zudem fragt er die Re­gierung nach Gründen für die Zuständigkeit der Verkehrspolizei für Bauvorhaben in der Landwirtschaftszone. Und: "Wurde der Aufwand des Kantons für das Bewilligungsverfahren und die Verkehrspolizei den Veranstaltern vollumfänglich in Rechnung gestellt?"

Weiter möchte Kappeler in Erfahrung bringen, ob der Landwirt bisher reguläre Direktzahlungen erhielt, obwohl das Land während der Hälfte der Vegetationsperiode der Produktion entzogen wurde. Er fragt auch, ob es der Regierungsrat "richtig findet, Beiträge aus dem Sportfonds an Motorsportanlässe zu zahlen." Zudem möchte er wissen, ob für den Betrag der 25 000 Franken mittels Klausel sichergestellt wurde, dass das Geld bei einem Verkauf des Anlasses an eine ausländische Event-Firma wieder zurückbezahlt werde. "Welches war bei den MXGP 2016 und 2017 die Anzahl der parkierenden Autos und Motorräder, wie hoch war der Anteil der mit motorisiertem Individualverkehr Anreisenden?" Ausserdem stellt er die Frage, welche Massnahmen zur Schonung der Anwohner und der Umwelt vorgeschrieben und ergriffen worden seien, diesen Anteil zu senken.

Gemäss Geschäftsordnung des Grossen Rates hat der Regierungsrat innert zwei Monaten auf den parlamentarischen Vorstoss zu antworten. (sko)

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