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MOSCHEE IN FRAUENFELD: «Schwarze Schafe gibt es überall»

Die Islamische Gemeinschaft baut eine Moschee und kämpft gegen Misstrauen. Mit der Stadt pflegt sie ein offenes Verhältnis. Unabhängig von Religion oder Ideologie, müsse die Stadt ihre Werte verteidigen und dürfe nicht zum Pilgerort für Extremisten werden.
Samuel Koch
Stadträtin Christa Thorner und Markus Kutter, Amtsleiter Gesellschaft und Integration, am Sitzungstisch der städtischen Sozialdienste an der Rheinstrasse 6. (Bild: Reto Martin)

Stadträtin Christa Thorner und Markus Kutter, Amtsleiter Gesellschaft und Integration, am Sitzungstisch der städtischen Sozialdienste an der Rheinstrasse 6. (Bild: Reto Martin)

Die Islamische Gemeinschaft Frauenfeld errichtet neben der Zuckerfabrik ein Vereins- und Kulturzentrum für 1,6 Millionen Franken. Christa Thorner, Stadträtin und Vorsteherin Departement für Soziales und Gesellschaft, und Markus Kutter, Leiter Amt für Gesellschaft und Integration, über die Rolle der Stadt, ihre Möglichkeiten und den Unterschied zur Situation rund um die An’Nur-Moschee in Winterthur.

Ist die Stadt bereit für eine Moschee?
Christa Thorner:
Ja, wir haben Kontakt mit der Islamischen Gemeinschaft. Zudem sind wir über ihre Ziele informiert.

Markus Kutter: Mich beschäftigt, dass die Lupe der Gesellschaft derart auf den Islam gerichtet ist. Dieselbe Frage könnte man etwa auch bei einer neuen christlichen Freikirche stellen.

Die meisten der jüngsten Terror­anschläge wurden von islamischen Fundamentalisten verübt.
Christa Thorner:
Eine globale Entwicklung wird rasch auf eine Stadt heruntergebrochen. Früher gab es den Graben zwischen den Katholiken und Reformierten. Heute fokussiert die mediale Öffentlichkeit auf den Islam.

Markus Kutter: Innerhalb des Katholizismus etwa gibt es auch verschiedene Strömungen. Wichtig ist, dass wegen einzelner Tendenzen nicht pauschalisiert wird. Schwarze Schafe gibt es überall.

Laut der islamischen Menschenrechtsaktivistin Saïda Keller-­ Mes­sahli steht der Bau der Frauenfelder Moschee im Zwielicht.
Christa Thorner:
Dafür gibt es keine Anzeichen, ihren Angaben sind wir, soweit möglich, nachgegangen. Die Islamische Gemeinschaft hat grosses Interesse, nicht unterlaufen zu werden. Und was Imame in Moscheen predigen, können wir als Stadt nicht überprüfen.

Pflegen Sie Kontakt zu Imam Sami Misimi?
Markus Kutter:
Wir kennen ihn, seit er hier lebt.

Christa Thorner: Nachdem ich 2001 neu in den Stadtrat gewählt wurde, bin ich in der Moschee im Gewerbezentrum sehr herzlich empfangen worden. Misimi hat Mühe mit der deutschen Sprache. Käme er heute in die Schweiz, würde das wohl nicht mehr geduldet werden. Vertiefte Dialoge sind mit ihm nicht möglich.

Wären deutsche Predigten in einer Moschee von Vorteil?
Christa Thorner:
Das würden wir begrüssen. Ebenso, wenn Imame vermehrt in der Schweiz ausgebildet würden.

Sind Sie über die Finanzierung der Baukosten für die Moschee in Höhe von 1,6 Millionen Franken im Bild?
Markus Kutter:
Ja, im Eingangsbereich der Moschee sind alle Spendenbeträge detailliert aufgeführt. Das ist imposant und absolut transparent.

Christa Thorner: Zudem arbeiten viele Muslime viele Stunden ehrenamtlich.

Auf Youtube ist ein Video eines mazedonischen TV-Senders zur Grundsteinlegung zu sehen.
Markus Kutter:
Wir haben das Video angesehen und übersetzen lassen. Es war ein ganz normaler Bericht, in welchem noch zu Spenden aufgerufen wurde.

Markus Kutter, Sie hielten bei der Grundsteinlegung eine Ansprache. Was war Ihre Botschaft?
Markus Kutter:
Wir freuen uns, dass die Muslime einen Ort gefunden haben, um ihren Glauben zu leben. Sie sind froh, dass sie das in einem sicheren Land wie der Schweiz tun können. Dieser Errungenschaft wollen sie Sorge tragen, denn die Schweiz ist zu ihrer Heimat geworden, wo auch ihre Kinder aufwachsen.

Die Moschee wird im dritten Anlauf realisiert. Am richtigen Standort?
Christa Thorner:
Der Verein meint Ja, weil sie verkehrstechnisch gut liegt.

Markus Kutter: Früher gab es Pläne für einen Standort in der Altstadt. Damals war die Opposition riesig. Heute ist die Situation im Industriegebiet eine andere.

Zentraler gelegen gäbe es mehr Berührungspunkte.
Christa Thorner:
Ja, aber es gibt andere Orte, wo wir als Stadt für Begegnungen sorgen. Erst kürzlich hat das Mitenand-Fest stattgefunden, bei dem ein bunter Reigen verschiedenster Kulturen und Religionen aufeinandertraf. Da waren auch muslimische Vereine präsent.

Pflegen Sie einen intensiven Kontakt zur Islamischen Gemeinschaft?
Markus Kutter:
Ja, seit vielen Jahren. Und wir haben vereinbart, bei Bedarf gegenseitig das Gespräch zu suchen.

Christa Thorner: Wir waren bei der Grundsteinlegung eingeladen und sind es auch bei der Einweihung. In der Islamischen Gemeinschaft engagieren sich Handwerker und Bauarbeiter, die bei uns integriert sind.

Wie klappt die städtische Integrationsarbeit von Muslimen?
Markus Kutter:
Gut. Wir sorgen für Begegnungen, zeigen Rücksichtnahme und gegenseitigen Respekt auf. Zudem orientiert sich unsere offene Gesellschaft mit den verschiedensten Ausfaltungen an den Werten der Bundesverfassung. Passiert das nicht, schauen wir genauer hin.

Christa Thorner: Unsere Grundwerte einzuhalten ist ein Muss.

Trotzdem gibt es muslimische Eltern, die etwa ihre Kinder nicht in den Schwimmunterricht lassen.
Markus Kutter:
Das passiert nur selten.

Christa Thorner: Beim Fall vor rund sieben Jahren, als muslimische Eltern ihre Kinder an Weihnachten keine christlichen Lieder singen lassen wollten, halfen Gespräche. Ausländer müssen sich an unsere kulturellen Gegebenheiten anpassen, das fordern wir auch ein.

Welche Rolle spielen da die Schulen?
Christa Thorner:
Die Schulen sind quasi unser Frühwarnsystem. Sie sind aber oftmals selber imstande, Probleme zu lösen. Viele Lehrpersonen leisten eine grosse Arbeit. Zudem gibt es die Autonome Schule Frauenfeld, das Solinetz oder das Café Salem.

Gibt es konkrete Ängste in der Frauenfelder Bevölkerung?
Markus Kutter:
Nein. Es ist eher eine allgemeine Verunsicherung spürbar.

Christa Thorner: Es gibt sicherlich Sorgen. Wir teilen diese aktuell aber nicht, denn die Muslime unternehmen ihr Möglichstes, um nach der Verfassung zu handeln. Klar verunsichern verhüllte Frauen. Kennt man aber den Menschen dahinter, relativieren sich Ängste und Fantasien. Es ist also unsere Pflicht, die Beziehungen zu pflegen, und wir müssen tolerant sein, indem wir respektieren, was wir im Innern nicht teilen.

Laut Terrorismusexperte Kurt Pelda gibt es im Thurgau Kontakte zur Dschihadistenszene.
Markus Kutter:
Das ist die Aufgabe des Staatsschutzes. Wir können nur reagieren, das gehört ebenso zu unserem liberalen System. Wenn wir Polizist spielen, würden wir unsere eigenen Werte verraten. Es stimmt mich aber positiv, dass sich die Islamische Gemeinschaft nicht abschottet und ihre Türen jedermann öffnet. Da gibt es etwa in Frankreich mit den Banlieues ganz andere Brandherde.

Haben Sie mit dem Verein über diese Problematik gesprochen?
Markus Kutter:
Ja. Sie haben uns zugesichert, ebenfalls wachsam zu sein. Radikale sind bei ihnen nicht willkommen.

Christa Thorner: Eine wichtige Massnahme gegen möglichen Radikalismus ist Integration. Die Menschen brauchen eine Zukunft, eine Perspektive. Haben sie das nicht, sind sie empfänglich für extreme Ideen.

Was kann Frauenfeld von den Problemen rund um die An’Nur-­Moschee in Winterthur lernen?
Christa Thorner:
In Winterthur haben viele ausländische Gastprediger gewirkt. Mittlerweile ist die Sensibilität aber auch dort grösser.

Jetzt gibt es dort eine Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention. Ist das auch hier ein Thema?
Markus Kutter:
Nein, bisher nicht.

Christa Thorner: Im Gegensatz zu Winterthur erlaubt die Grösse der Stadt ­Frauenfeld noch direkte Kontakte.

Gab es in Frauenfeld je Anfragen für die Koranverteilaktion «Lies»?
Christa Thorner:
Nein. Die Verteilaktion wollten selbst die Mitglieder der Islamischen Gemeinschaft nicht hier haben.

Aber es gab Anfragen für Pegida-­Demonstrationen und es gab Pnos-Flugblätter gegen die Moschee.
Christa Thorner:
Gegen Flugblätter können wir nichts tun. Demonstrationen hingegen hat die Stadt nicht bewilligt. Die Frage ist immer, ob Frauenfeld, wie etwa beim Nazi-Konzert im Toggenburg, nur als Standort für Manifestationen missbraucht wird. Spricht sich das herum oder schlägt es auf sozialen Medien ­Wellen, lassen sich solche Anlässe nicht mehr kontrollieren. Das wollen wir nicht.

Spätestens im kommenden Juni soll die Moschee fertig sein und eingeweiht werden. Was wünschen Sie der Islamischen Gemeinschaft?
Christa Thorner:
Dass sich die Erwar­tungen ihrer Mitglieder erfüllen und sie einen Ort haben, wo sie ihrer Religion und ihren Ritualen nachgehen können.

Markus Kutter: Ich wünsche ihnen offene Türen, viele gute Begegnungen und einen respektvollen Umgang.

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