«Morgen werde ich aufhören»

Nicht nur Süchtige, auch ihre Angehörigen brauchen oft Hilfe. Sie sind co-abhängig. Eine Rentnerin aus dem Thurgau erzählt, wie das Leben als Co-Abhängige ist. Ihr Partner ist Alkoholiker.

Michèle Vaterlaus
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Wenn ein Glas nicht reicht: Angehörige von Süchtigen sind oft co-abhängig. (Bild: Susann Basler)

Wenn ein Glas nicht reicht: Angehörige von Süchtigen sind oft co-abhängig. (Bild: Susann Basler)

WEINFELDEN. «Ich merke sofort, wenn er etwas getrunken hat. Darauf bin ich konditioniert.» Sie sieht es, sie hört es und sie riecht es. Die Rentnerin aus dem Thurgau spricht von ihrem Freund. Er ist Alkoholiker. Sie ist co-abhängig: Sie unterstützt ihren Freund, will ihn vom Alkohol abhalten, kümmert sich um ihn, nimmt seine Trinkerei vor anderen in Schutz, rechtfertigt sein Verhalten, lässt Verabredungen seinetwegen sausen, vernachlässigt Freunde und Familie, nur um sich um ihn zu kümmern – bis zur Selbstaufgabe. Von ihm kommt nichts zurück. Wenn er trinkt, dann zählt nur der Alkohol.

Kontrolle ist anstrengend

Die Beziehung dauert nun fünf Jahre an. «Erst habe ich nichts von der Alkoholsucht bemerkt», sagt die Rentnerin. Ihr Freund habe getrunken wie sie und andere auch. Ein Bierchen nach der Arbeit, ein Glas Wein zum Abendessen. Doch mit der Zeit habe sie gemerkt, dass es bei ihm nicht immer bei diesem einen Glas bleibt. «Nach der gemeinsamen Flasche Wein zum Abendessen ging ich ins Bett. Er blieb noch auf, schaute fern und trank noch eine Flasche.» Mit der Zeit sei ihr klar geworden, dass er ein Alkoholproblem hat. Wenn er trinkt, dann verändert er sich. Das seien jene Momente, in denen sie gibt und er nimmt und nichts zurückgibt. Die Rentnerin will ihren Freund darum vom Trinken abhalten. Sie hat jeglichen Alkohol aus der Wohnung verbannt. Damit er gar nicht erst auf die Idee kommt, zu trinken, unternimmt sie viel mit ihm. «Doch er hat trotzdem seine Abstürze.»

Er trinke nicht immer so viel. Es geschehe quartalsweise. Dann sei es schlimm: Er geht nicht zur Arbeit, lässt sogar die gemeinsamen Ferien sausen, nur um sich nicht vom Alkohol trennen zu müssen. Im Zentrum steht immer nur der Alkohol. «Wir haben schon beide um eine Flasche Wein gestritten. Beide haben sie festgehalten, daran gerissen. Niemand wollte sie loslassen.» Auf ihre Bitte, das Trinken doch sein zu lassen, hört sie den immer gleichen Satz: «Gib mir noch einen Tag» oder «Morgen werde ich aufhören». Wenn er weggeht und verspricht, nichts zu trinken, dann glaubt sie ihm nicht. Sie ist misstrauisch. «Das anstrengende ist die ständige Kontrolle.»

Manchmal hört er aber auf mit dem Trinken. Dann trinkt er ganz «normal». Einfach ein Glas Wein zum Abendessen. Doch irgendwann kehrt sich alles und er wird wieder masslos. «Hie und da ein Glas Wein trinken, das funktioniert für ihn nicht.» Mit der Zeit habe er sich zum Trinken zurückgezogen. Er trinkt alleine. Dann ist sie aber auch allein. «Da sind nur ich und meine innere Leere. Ich weiss nichts mit mir anzufangen. Ich kann mich nicht um ihn kümmern, darum habe ich nichts zu tun.» Salopp gesagt sei es ein Helfersyndrom. «Das ist nicht per se schlecht. Anderen zu helfen, kann jemandem auch etwas geben.» Doch sich für jemand anderes aufzugeben, das gehe zu weit. Es ist ein Problem. Bewusst geworden ist ihr das erst, als sie ihren Freund zum Arzt bringen musste, weil es ihm nach der Trinkerei so schlecht ging. Sie lieferte ihn in der Praxis ab und sagte dem Arzt, sie hole ihn nach der Konsultation ab. «Der Arzt wollte aber mit mir reden. Im Laufe des Gespräches sagte er mir, dass ich wohl ebenfalls eine Therapie brauche. Ich sei co-abhängig.»

Die Rentnerin war verdutzt – und interessiert. Sie ging nach Hause und recherchierte im Internet. «Alles passte auf meine Situation», sagt sie. Und ihr wurde klar. Dieses Muster kennt sie von früher. Auch ihr Vater war Alkoholiker. Ihre Mutter hat dasselbe durchgemacht wie sie.

Sie lässt ihn fallen

Das Wissen darum, dass sie co-abhängig ist, hat der Rentnerin geholfen. Anfang des Jahres hat sie ihren Freund vor die Tür gestellt. Sie sind noch ein Paar. «Aber ich habe gelernt, dass ich ihn fallen lassen muss, wenn ich wirklich will, dass er aufhört zu trinken.» Die gemeinsamen Ferien, die er wegen der Flasche Wein hat sausen lassen, hat sie genutzt. Sie ist allein in den Süden geflogen, hat die Zeit genossen und sich über Co-Abhängigkeit informiert.

Jetzt will sie eine Selbsthilfegruppe gründen. «Ich kenne einige Frauen, die co-abhängig sind. Aber auch zwei Männer», sagt sie. Der Austausch könne helfen. Es gehe nicht darum, Lösungen zu präsentieren und Tips zu geben, sondern nur darum, zu wissen, dass man nicht allein ist.

Es ist sein Problem

Die Rentnerin ist bereits auf einem guten Weg aus der Co-Abhängigkeit. Sie hat ihr Leben neu strukturiert: Sie geht laufen, macht Yoga, trifft sich mit Freundinnen und hat Spass an ihren Enkelkindern. Ihren Partner trifft sie nur, wenn er nüchtern ist. Sonst telefoniert sie nicht mit ihm und sie lässt ihn nicht in ihre Wohnung. «Sein Alkoholismus ist nicht mehr mein Problem. Sondern seines.»