MONSTERPROZESS: War es Auftragsmord oder ein Unfall?

Die Verteidiger beantragen Freisprüche im Fall Kümmertshausen. Für den Staatsanwalt war es vorsätzliche Tötung. Bleibt die Frage, was die Beschuldigten im Haus des IV-Rentners gewollt haben.

Ida Sandl
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Ida Sandl

ida.sandl@thurgauerzeitung.ch

Die Anwälte sind sich einig: Der gewaltsame Tod des IV-Rentners von Kümmertshausen war nicht geplant. Vielmehr sei Serkan D. durchgedreht, als er mit Nurullah D. und Yilmaz B. an der Tür des IV-Rentners stand. Schon das dritte Mal innerhalb von zwei Tagen. Wieder fragten sie nach Gras. Und als der IV-Rentner das Marihuana holte und Nurullah D. ihm 50 Franken hinhielt, habe ­Serkan D. gerufen «Nicht bezahlen, ich habe keine Geduld mehr» – und habe sich auf den Mann gestürzt. Der habe nach Hilfe geschrien, sie hätten ihm eine Kapuze in den Mund gestopft.

Serkan D. und Nurullah D. sind in der Türkei, ihnen wird dort der Prozess gemacht. Serkan D. streitet alles ab (siehe Box). Nurullah D. kann es nicht leugnen, seine DNA wurde an den Fesseln des ­Toten gefunden. Er behauptet, er sei erst ins Haus, als der Mann schon regungslos auf dem Boden lag.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft war die Tötung des IV-Rentners ein Auftragsmord. Befohlen von Bandenboss Nasar M. und dessen Vertrauten Osman S. Drei Männer sind vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen wegen Mittäterschaft zur vorsätzlichen Tötung angeklagt. Die Staatsanwaltschaft stützt ihre These zum grossen Teil auf die Schilderungen von Yilmaz B., dem sogenannten Kronzeugen. Er ist nur wegen Gehilfenschaft zur vorsätzlichen Tötung angeklagt, obwohl er zur Tatzeit am Tatort war. Die ursprünglichen Staatsanwälte sind inzwischen ausgewechselt, sie mussten wegen Anscheins von Befangenheit in den Ausstand treten. An der Anklage hat sich im Wesentlichen trotzdem nicht viel geändert – was von den Verteidigern heftig kritisiert wird.

Vorwurf an die Staatsanwälte

Tatmotiv aus Sicht der Staatsanwaltschaft: 2,5 Kilo Heroin, die der IV-Rentner nicht mehr herausgeben wollte. ­Weiter soll er dem Bandenboss gedroht ­haben. Er werde ihn bei der Polizei verpfeifen, wenn er seinem Freund nicht helfe, der wegen Menschenschleusung in Griechenland in Haft sass. Kurz vor dem Überfall hat es wohl tatsächlich einen Streit zwischen dem IV-Rentner und einem Türken oder Kurden gegeben. Doch die Beschreibung des Kontrahenten passe nicht auf seinen Mandanten, sagt Bruno Bauer, der Verteidiger des Bosses. Das müsse jemand anders gewesen sein. Ob es tatsächlich um Heroin ging, ist nicht sicher. Das Umfeld des IV-Rentners weiss nur von Marihuana. Von Heroin spricht allein Yilmaz B.

Die Verteidiger werfen den Staats­anwälten vor, sie hätten einseitig, «mit Tunnelblick» ermittelt. Es seien nur Fakten gesammelt worden, die zur These «Mord nach Auftrag» gepasst hätten. «Man wollte den grossen Fall», sagt Andreas Fäh, der Osman S. vertritt. Lieber eine vorsätzliche statt eine fahrlässige Tötung. Für die Beschuldigten macht dies einen grossen Unterschied: Vorsätzliche Tötung wird mit mindestens fünf Jahren bestraft, für fahrlässige Tötung fordert das Gesetz maximal drei Jahre. Wie alle Verteidiger beantragt auch Fäh Freispruch für seinen Mandanten.

Bei den Plädoyers geht es nur um die Tötung und die damit verbundenen Drogendelikte. Über andere Straftaten, die den Beschuldigten vorgeworfen werden, wird noch oder wurde bereits verhandelt. Die Höhe der Strafe ist erst nächstes Jahr ein Thema.

Sie hatten keine Waffen dabei

Aus Sicht der Verteidiger spricht einiges gegen einen geplanten Mord: Die Männer seien zweimal unverrichteter Dinge wieder abgezogen, bevor es zum tödlichen Überfall kam. Sie hatten keine Waffen dabei. Tatwerkzeug war eine zufällig herumliegende Kapuze. Auch der anschliessende Streit zwischen Bandenboss Nasar M. und Yilmaz B. passt nicht ins Bild. Yilmaz B. sei panisch gewesen und habe gestammelt, dass die anderen den Mann getötet hätten. Daraufhin sei Nasar M. wütend geworden: «Was habt ihr getan?»

Verschiedene Thesen zum Todeszeitpunkt

Verteidiger Otmar Kurath kommt zum Schluss, dass die Staatsanwaltschaft von einem zu späten Todeszeitpunkt des IV-Rentners ausgeht. Er hat die Zeiten, an denen das Handy im fahrenden Auto ­geortet wurde, mit einem Blitzer auf der Strecke und den Aussagen der verschiedenen Beschuldigten verglichen. Nach Kuraths Berechnungen ist der IV-Rentner nicht gegen 20 Uhr, wie die Anklage annimmt, sondern zwischen 17 und 19 Uhr gestorben. Das würde seinen Mandanten Müslüm D. komplett entlasten, denn um diese Zeit wurde dessen Handy noch in St. Gallen geortet. Müslüm D. sei am Steuer gesessen, als die Truppe das dritte Mal nach Kümmertshausen fuhr. Kurath ist überzeugt, dass es dabei nur noch darum ­gegangen sei, die Spuren zu verwischen. So liesse sich erklären, dass auf dem Polizeifoto neben der Leiche ein Staubsauger steht.

Nächste Woche wird der Verhandlungsblock über das Tötungsdelikt mit den zwei Vorträgen von Staatsanwalt und Verteidigung abgeschlossen. Dann ist das Gericht an der Reihe, und es hat eine schwere Aufgabe: Herausfinden, was in Kümmertshausen wirklich passiert ist.