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MODE: Ein Egnacher entwirft die Stoffe für Dior, Chanel und Co.

«Die Ideen entstehen beim Machen», sagt Martin Leuthold. Der Creative Director bei der Schlaepfer AG ist Egnacher des Jahres und entwirft mit seinem Team 800 verschiedene Stoffkreationen pro Jahr.
Daniela Huber
Martin Leuthold lässt sich im Garten seines Zuhauses inspirieren. (Bild: Hanspeter Schiess)

Martin Leuthold lässt sich im Garten seines Zuhauses inspirieren. (Bild: Hanspeter Schiess)

Daniela Huber

redaktion@thurgauerzeitung.ch

«Ich schreibe nie etwas auf», sagt Martin Leuthold (64). Bekannte Namen wie Dior, Chanel und Louis Vuitton verarbeiten seine Stoff-Kreationen, um sie dann über die grossen Laufstege der Welt stolzieren zu lassen. Wäre das nicht Grund genug, als Textildesigner nervös zu sein und wild darauflos Ideen zu sammeln? Leuthold tut das nicht, sein Gedächtnis ist wie ein Filter, wie er sagt. Es entscheidet, was wichtig ist, nur was er sich merken kann, wird auch umgesetzt.

Ansteckende Begeisterung

Leuthold scheint ein besonnener Mann zu sein, er hat Boden unter den Füssen. Dazu besitzt er eine Begeisterung, die ansteckend wirkt. Er gestikuliert gerne mit beiden Händen und blickt in weite Ferne, sicher auf etwas, das ihm gefällt, das er schön findet, vielleicht in der Realität, vielleicht in der Fantasie, das weiss man nicht so genau. Ideen kommen von überall, sagt er, und fügt hinzu: «Ich schaue unglaublich viel Zeug an.» Museen, Sammlungen, Kunst, Postkarten, Blumensträusse. Und, ganz wichtig: die Natur. Die ist für Leuthold der Massstab, mit der Natur vergleicht er alle seine Ideen.

Angefangen hatte alles bereits in der Kindheit, im Elternhaus. Der Vater war Schreiner, hatte Bilderrahmen für Maler gefertigt, und so den Sohn bereits früh mit kreativen Berufen vertraut gemacht. Goldschmied und Töpfer war aber nichts für Leuthold und so wurde er zum Schnuppern zu einem Textildesigner geschickt. Dort wurde ihm ein Blumenstrauss hingestellt, den er abzeichnen sollte. Aus der Zeichnung müsse er dann «e Müschterli mache». Der Junge setzte sich hin, tat, wie ihm gesagt worden war, und fragte am Feierabend den Chef, ob man so tatsächlich Geld verdient. Ja, wurde dem kleinen Martin erklärt, so verdient man Geld. An diesem Tag ging er mit einem Strahlen im Gesicht nach Hause. Er wusste jetzt, was er werden wollte.

Zum Abschluss der Berufslehre als Textildesigner machte Leuthold mit seinem Freund Josef Felix Müller eine kleine Ausstellung mit eigenen Werken im Elternhaus. «Chli Kunst gmacht», hätten sie, sagt Leuthold mit einem Lächeln. An diese Vernissage kamen auch Robert und Lisbeth Schläpfer – aber nicht, um die Kunst anzuschauen, sondern Martin Leuthold. Sie hatten von dem jungen Designtalent gehört und wollten ihn in ihre Firma holen. «1973 ist ein grossartiger Sommer gewesen», sagt Leuthold mit einem Leuchten in den Augen. Schläpfers nahmen ihn auf in eine Welt, in der ein enormes Ausmass an Freiheit geherrscht hatte, auch im Beruf. Ob sie Hippies waren? «Oh ja», sagt Leuthold und lacht. Blumenkinder, das hätte man auch an den Stoffen gesehen. Stickereien, lange Haare, Rauchen und Cat Stevens, eine schöne Zeit.

Nach der Lancierung einer Kollektion kommt die Leere

Zehn Jahre später übernahm Leuthold die Stelle des Creative Directors, die er seither behalten hat. Heute hat Leuthold nicht mehr so viel Zeit zum Zeichnen. Aber ein Blumenstrauss gehört trotzdem ins Atelier. Eine Aufteilung des Lebens in Beruf und Privates kennt er nicht, Inspiration kann und soll jederzeit kommen. Ungefähr viermal im Jahr gibt es aber eine Zeit, in der er keine Motivation und keine Ideen hat: unmittelbar nach der Lancierung einer neuen Kollektion kommt meist die grosse Leere. «Nochmals alles von vorn», denkt er dann, und weiss nicht wo anfangen. Aber daran hat er sich mittlerweile gewöhnt. Es dauert nur etwa eine Woche, dann sei die Motivation wieder da.

Abgesehen von den Entwürfen neuer Stoffe gehört auch deren Vermarktung bei wichtigen Kunden zu seinen Aufgaben. So reist Leuthold heute auch viel: nach Tokio, Mailand, Paris, zu Namen wie Karl Lagerfeld und Vivienne Westwood. Mit dabei hat er auf einer solchen Reise drei Koffer, randvoll gefüllt mit Textilien. «Ich geniesse Paris», sagt Leuthold. «Man muss aber auch wissen, wo man hingehört. Es ist schon schön, in Paris ein bisschen Champagner zu trinken, aber es ist auch schön, nach Hause zu kommen und wieder einen Apfelsaft zu trinken.» Leuthold weiss, wo er hingehört. Er sieht sich nicht als Künstler, vielmehr als Handwerker, der ein traditionelles St.Galler Gewerbe weiterführt. Leuthold lebt die ihm gegebene Freiheit aus und scheut vor keinem Material. Papier, Plastik, Pingpongbälle; alles näht er auf seine Stoffe. Und erobert damit für einen Augenblick nicht nur die Laufstege, auch die fast achthundert Jahre alte Tradition der Spitzen- und Textilproduktion.

Im April sind es fast fünfzig Jahre, in denen der Designer für die Schlaepfer AG Stoffe entworfen hat, und in dem Monat wird er in den Ruhestand treten, um mehr Ausstellungen zu kuratieren und Zeit im Garten zu verbringen. «Ich freu mich aufs zu Hause sein», sagt er. Leuthold wohnt mit seinem Partner im Elternhaus, in der alten Schreinerei. «Ich habe nichts verpasst in den letzten fünfzig Jahren, es gibt nichts, was ich noch nachholen muss.» Leuthold ist angekommen, und das bereits vor langer Zeit. Er hat seine Passionen gefunden, sie gelebt und genossen, und freut sich über die einfachen Dinge im Leben. Wie zum Beispiel über frischen Apfelsaft im Thurgau – nach dem Champagner in Paris.

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