Mit Schweitzer durch den Thurgau

Am 4. September jährt sich der Todestag von Albert Schweitzer zum 50. Mal. Der Urwaldarzt, der die ganze Welt gesehen hat, reiste einst auch in den Thurgau. Sein Thurgauer Freund Fritz Wartenweiler zeigte ihm seine Heimat.

Markus Schär
Merken
Drucken
Teilen
Albert Schweitzer bei der Schreibarbeit. (Bild: keystone)

Albert Schweitzer bei der Schreibarbeit. (Bild: keystone)

NEUKIRCH AN DER THUR. Der Urwalddoktor Albert Schweitzer war eng mit dem Thurgauer Volksbildner Fritz Wartenweiler befreundet. In den 1950er-Jahren bot sich Wartenweiler die Gelegenheit, seinem Freund seine geliebte Thurgauer Heimat zu zeigen. Denn Schweitzer gab ein Orgelkonzert in St. Gallen. Also führte die beiden der Weg vom Osten in den Westen des Kantons Thurgau bis nach Schaffhausen. Wartenweiler hat diese Geschichte in seinen Büchern festgehalten.

Nächster Halt: Neukirch

Den ersten Zwischenhalt machten Wartenweiler und Schweitzer gemäss den Aufzeichnungen in Neukirch an der Thur. Dort hatte die Glarnerin Katharina Blumer 1927 das «Heim» gegründet. Sie beabsichtigte dort in Halbjahreskursen Töchter vom Land zu selbständig denkenden und handelnden Persönlichkeiten zu entwickeln und ihnen das vernünftige Haushalten, gesunde Ernährung und einfache Lebensweise beizubringen. Diese Kurse bekamen durch die Mitwirkung von Fritz Wartenweiler einen volkserzieherischen Charakter. Blumer bereitete nun dem berühmten Gast ein bescheidenes Mahl zu. Wartenweiler erinnert sich in seinen Schriften: «Der gefeierte Gast spielt im Stübli des <Heim> auf dem <Tschäderi>-Klavier für die Mädchen ein Tänzchen auf. Ein völlig ungewohntes Benehmen, welches das eher schwergewichtige, moralisch befrachtete, missionarische, weltverbessernde Bild von Schweitzer überraschend auflockerte.» Das Intermezzo am Klavier in Neukirch fügte sich gemäss Wartenweiler in frühere Verhaltensweisen von Schweitzer ein. Denn einst hatten ihn zwei Onkel in das gesellschaftliche Leben der französischen Metropole Paris eingeführt. An einer Hochzeit hatte Schweitzer durch die Nacht getanzt. Und als er als 80-Jähriger gebeten wurde, das Tanzen zu missbilligen, antwortet Schweitzer nur: «S'isch ein en Simpel, wenn er nit danzt.»

Miststöcke sind Kunst

Schliesslich war es Zeit, Abschied von Neukirch zu nehmen. Die Reise führte die Freunde weiter westwärts durch den mittleren Thurgau. Wartenweiler schreibt: «Wie dieser Afrikaner-Elsässer die Thurgauer Landschaft in sich aufnahm auf der Fahrt nach Schaffhausen! Lange hielt er die Augen geschlossen, musste er doch abends wieder ans <Brett>.» Mit dem «Brett» meinte Wartenweiler die Orgel: Schweitzer hatte am Abend noch ein Konzert in Schaffhausen zu geben. Wartenweiler schrieb weiter: «Schaute er aber auf, so sah er Dinge, die unsereiner nicht beachtet. Überraschend war sein Vergnügen, ja seine helle Begeisterung über freistehende Zwiebel-Scheiterbeigen und gezöpfelte Miststöcke, wie sie nur unsere Berner so kunstvoll zu gestalten verstehen. Eine Betonmauer um eine Düngerstätte war ihm ein Dorn im Auge. <Da hört ja jede Kunst auf.>» Mit der «Miststockkunst» verdutzte Schweitzer einst einen hergereisten amerikanischen Kulturphilosophen. Dieser fragte Schweitzer: «Womit beginnt die Kultur, Herr Professor?» Der Bewunderer aus Amerika traute seinen Ohren nicht, als dieser antwortete: «Die Kultur beginnt mit dem Mist.» Schweitzers Ansicht war, dass Kultur beginnt, wenn Menschen die verweslichen Ausscheidungen und Reste von Pflanzen, Tieren und auch Menschen nicht mehr als «Sauerei» herumliegen lassen, sondern sie sorgfältig aufbewahren, um sie zur gegebenen Zeit dem Boden wieder zurückgeben als Nahrung.

Köchin aus Maltbach

Die Fahrt ging weiter Richtung Maltbach, ein stiller, etwas abseits gelegener Ort. Noch heute wirtet dort Emmy Füllemann, eine gestrenge Dame in weisser Schürze. Sie stand von 1957 bis 1960 als Köchin im Dienst des Urwaldarztes. Im afrikanischen Lambaréné bestand ihre Arbeit darin, die Küche zu führen und den Spitalgarten zu besorgen.

Schliesslich trafen Wartenweiler mit seinem Freund in Frauenfeld ein. Er wollte ihn gerne in seinem Haus, das unter dem Namen «Nussbaum» bekannt war, beherbergen. Der Aufenthalt blieb mit einer halben Stunde aber zu kurz. Die Zeit drängte: Am Abend gab Schweitzer ein Orgelkonzert in Schaffhausen.

Der Autor ist ehemaliger Pfarrer in Elgg. Er kannte Fritz Wartenweiler persönlich.