Mit Pfiff durch den Natureiskanal

Mit bis zu 149 km/h rasen die Bobfahrerinnen und Bobfahrer durch den Olympia-Bob-Run in St. Moritz-Celerina. Auch die Anschieberin Andrea Bitzer möchte auf der Bahn brillieren. Jarima Haas (Text und Bilder) begleitete die Wigoltingerin an die Schweizer Meisterschaft im Engadin.

Merken
Drucken
Teilen
Die 24jährige Wigoltingerin Andrea Bitzer rast leidenschaftlich gerne um eisige Kurven. (Bild: Donato Caspari)

Die 24jährige Wigoltingerin Andrea Bitzer rast leidenschaftlich gerne um eisige Kurven. (Bild: Donato Caspari)

Es ist ein kühler Wintermorgen. Während die Bergspitzen bereits im Sonnenschein erstrahlen, liegt stellenweise leichter Nebel im Tal. Schleierwolken ziehen am Himmel langsam vorbei und legen den beginnenden Tag in ein milchiges Licht. Mitten in dieser Idylle erstreckt sich der Olympia-Bob-Run von St. Moritz-Celerina. Sanft schmiegen sich die Kurven und Geraden der Bahn in das Winterbild im Engadin ein. Dieser Eiskanal ist die einzige Natureisbahn der Welt. Die Anschieberin Andrea Bitzer schwärmt: «Ich liebe es, in St. Moritz zu fahren. Das Natureis ist so fein und sanft. Man spürt es beinahe nicht.»

Auf dieser Bahn stieg Andrea Bitzer erstmals in einen Bob. Mit 19 Jahren wurde sie von Pilotin Isabel Baumann (Wigoltingen) gefragt, ob sie mit nach St. Moritz fahren möchte. «Über das Natureis zu flitzen, war unglaublich. Auf der Fahrt hat mich die Leidenschaft für diesen Sport gepackt. Die ist bis heute geblieben», erinnert sich die 24-Jährige.

Zurückhaltende Stimmung

Mittlerweile tummeln sich die Menschen am Start des Olympia-Bob-Run. Diskussionen darüber, welches Team wohl am besten abschneidet, prägen die zurückhaltende Stimmung rund um die Bahn. Alle drücken den Athletinnen die Daumen, wollen mitfiebern, wenn die Sportlerinnen den Eiskanal hinunter sausen. Schliesslich haben die Bobfahrerinnen nur ein Ziel: den Schweizer-Meister-Titel.

Auch Andrea Bitzer hofft auf den Titel. Sie ist Anschieberin im Zweier-Bobteam von Fabienne Meyer. Neben Andrea Bitzer kann Pilotin Fabienne Meyer im Weltcup auch eine zweite Anschieberin einsetzen. Diejenige, die im Training schneller und fitter ist, sorgt im Rennen für Schub. Doch der definitive Entscheid liegt bei der Pilotin.

Zwischen den Anschieberinnen herrscht ein immer währender Kampf um die Nummer eins. «Der Konkurrenzkampf wird immer härter. Diese Saison setzte ich mich bei den ersten zwei Weltcup-Rennen durch und war erste Wahl», erzählt Andrea Bitzer. Dann stiess eine neue Anschieberin zum Team. Sie brillierte im Rennen und wurde zur Nummer eins. «Klar wäre ich gerne an erster Stelle, aber ich muss auch an das Team denken. Der Konkurrenzkampf gehört dazu. Ich kann gut damit umgehen», sagt sie.

Die Stimmung ist gespannt. Fabienne Meyer und Andrea Bitzer machen sich bereit. Sie ziehen die wärmende Kleidung aus. Dann herrscht höchste Konzentration. Die beiden stehen am Start, kehren in sich.

Die Bahn wird für den Start freigegeben. Die Fahrerinnen geben sich einen Handschlag, feuern sich gegenseitig an und rennen los. Sie werden immer schneller, stecken ihre gesamte Kraft in diese Fahrt. Unter den Jubel-Schreien der Konkurrenten springt zuerst die Pilotin, danach die Anschieberin in den Schlitten. Dann sind sie aus dem Blickfeld verschwunden, während die Zurufe langsam verklingen.

«Für diesen Sport muss man athletisch und schnell sein, aber auch die nötige Kraft besitzen. Die Herausforderung liegt darin, das geeignete Mittelmass zu finden», sagt Andrea Bitzer. Das Zusammenspiel dieser drei Faktoren fasziniert die Wigoltingerin. Zudem darf man keine Berührungsängste haben und sollte auch mal am Bob selbst arbeiten.

Fabienne Meyer und Andrea Bitzer rasen durch die Bahn. Es erklingt gar ein Pfeifen, wenn sie mit bis zu 149 km/h durch den Eiskanal sausen. Dieses Mal erreichen die zwei 137,58 km/h. Während die Anschieberin hinten gebückt im Schlitten sitzt und nichts von der Fahrt sieht, gibt die Pilotin ihr Bestes. Sie darf sich keinen Fehler erlauben. Er kostet Zeit und Kraft. Wenige Hundertstel entscheiden über Erfolg und Misserfolg.

Sie ist lieber Anschieberin

«Während der Fahrt bin ich froh, dass ich die Rolle der Anschieberin habe und auf den Boden schauen kann. Pilotin zu sein, wäre nichts für mich. Dafür bin ich eine zu nervöse Person», sagt Andrea Bitzer.

Mit hohem Tempo durch das Labyrinth zu rasen, gefangen zwischen Schnee und Eis, braucht Mut. «Vor dem Eis und der Geschwindigkeit habe ich keinen Respekt, aber vor gewissen Bahnen. Jene im kanadischen Whistler zum Beispiel. Das hat auch mit der Geschichte meines Lebenspartners zu tun», erzählt Andrea Bitzer. Sie spricht den Unfall von Anschieber Jürg Egger an. Es geschah im Abschlusstraining an den Olympischen Spielen in Vancouver. Einen Tag vor der Erfüllung seines Traums verunfallte Jürg Egger. Mit 140 km/h kippte der Zweierbob, und die beiden Sportler schlitterten die Bahn von Whistler hinab. Nur Tage zuvor verunglückte dort ein Rodler tödlich. Während Pilot Daniel Schmid keine Verletzungen davontrug, blieb Jürg Egger auf dem Eis liegen.

Andrea Bitzer läuft es noch heute kalt den Rücken hinunter, wenn sie an diesen Tag denkt: «Das war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Ich war in der Schweiz und habe im Internet und im Fernsehen von dem Unfall erfahren. Es ging eine gefühlte Ewigkeit, bis ich endlich über Jürgs Zustand Bescheid erhielt.» Jürg Egger hatte eine Gehirnerschütterung erlitten und die Wirbelsäule gequetscht. Seither sehen die zwei das Leben anders.

Sich beweisen und kämpfen

Fabienne Meyer und Andrea Bitzer rasen durch das Ziel. Eine Steigung kurz vor dem Ausstieg bremst den Bob ab, bis ihn Andrea Bitzer schliesslich vollends zum Stehen bringt. Sie steigen aus. Nach den ersten zwei Läufen liegt das Team auf dem zweiten Zwischenrang. «Ich bin nicht zufrieden. Wir waren am Start zu langsam. Es wird schwierig, den Rückstand von 23 Hundertstel noch aufzuholen», sagt Andrea Bitzer. Ihre Vermutung wird zur Realität. Auch in den letzten beiden Läufen hat die Konkurrenz die Nase vorn. Fabienne Meyer und Andrea Bitzer schlittern mit Rang zwei am Schweizer-Meister-Titel vorbei.

Jetzt heisst es nach vorne schauen. Weitere Rennen stehen an, und bereits in einem Monat findet die Weltmeisterschaft in St. Moritz statt. Ob Andrea Bitzer ihren Lieblings-Eiskanal entlang saust, wird sich zeigen. Sie muss sich beweisen und sie muss kämpfen. Damit sie ihr Können wieder zeigen darf, in dem Eiskanal, in dem ihre Bob-Geschichte begann.

Andrea Bitzer (l.) und Fabienne Meyer geben beim Start alles.

Andrea Bitzer (l.) und Fabienne Meyer geben beim Start alles.

Die Kraft liegt auch in den Händen.

Die Kraft liegt auch in den Händen.

Andrea Bitzer springt in den Bob.

Andrea Bitzer springt in den Bob.

Pilotin Fabienne Meyer und die Anschieberin Andrea Bitzer rasen an der Schweizer Meisterschaft in senkrechter Position über die Horse-Shoe-Kurve des Olympia-Bob-Runs in St. Moritz-Celerina.

Pilotin Fabienne Meyer und die Anschieberin Andrea Bitzer rasen an der Schweizer Meisterschaft in senkrechter Position über die Horse-Shoe-Kurve des Olympia-Bob-Runs in St. Moritz-Celerina.