Mit Karl in den März hinein

Turmspatz

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«Lieber Siegelturmtschilper», sagt der Turmspatz, als wir uns am Waldrand beim Rodenberg treffen, «vor lauter Wahlen haben wir etwas vergessen.» – «Und das wäre?» – «Den May.» – «Das hat noch Zeit», beruhige ich ihn, «wir hatten zwar schon frühlingshafte Tage, jetzt kommt aber erst der März.»

«Ich meine den Schriftsteller, nicht den Monat. Hast du nie Bücher von ihm gelesen?» – «Von Karl May? Ich las stundenlang Old Shatterhand mit der Taschenlampe unter der Bettdecke.» Er steckt sich eine Feder auf den Kopf und klemmt sich ein Ästchen unter den Flügel. «Ich bin Winnetou. Und das ist meine Silberbüchse.» Unterdessen habe ich mir zwei Hölzchen gesucht, eines für den Bärentöter und eines für den Henrystutzen. «Komm, roter Bruder», sage ich zu ihm, «begleite Old Shatterhand zum Silbersee.» Mit unseren schnellen Pferden fliegen wir hinauf zum Blausee. Dann geht es über die Rodenberg Mountains an die Ufer des Mississippi, der hier auch Rhein heisst, und über die Prärie, auf der vor wenigen Jahren noch Bisonherden unterwegs waren und die nun unter den Glashäusern der Gemüsefarmer zu versinken droht.

Entlang der Schienen des eisernen Pferdes gelangen wir in die Stadt, die nicht gemacht ist für Westmänner und Rothäute. Wir entsorgen unsere Waffen in einer Mulde und setzen uns am Sternenplatz auf einen Baum. «Was ist denn hier los?», fragt der Turmspatz und zeigt auf die herumstehenden Plakate. «In Diessenhofen geht der Wahlzirkus weiter. Zum Glück kann man zwischendurch mit Karl May in den Westen reiten, auch wenn erst März ist.»