Mit dem Tastsinn über den Bahnhofplatz

Der St. Galler Bahnhofplatz soll so hindernisfrei und behindertenfreundlich wie möglich umgebaut werden – darin sind sich die Stadtverwaltung und die Behindertenorganisationen einig. Ihre Verbesserungsvorschläge fanden Gehör.

Michael Walther
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Noch bis zum Fahrplanwechsel: Tiefeinstieg in den IC in Wil. (Bild: Hans Suter)

Noch bis zum Fahrplanwechsel: Tiefeinstieg in den IC in Wil. (Bild: Hans Suter)

ST. GALLEN. 80 000 Personen – so viele wie an keinem anderen Ort im Kanton – frequentieren den Bahnhofplatz pro Tag. Bis 2018 ist er eine der grössten regionalen Baustellen. Von Anfang an dabei waren auch Behindertenorganisationen.

Denn der Bahnhofplatz soll so hindernisfrei wie möglich gestaltet werden. «Wir waren ab dem Vorprojekt einbezogen», sagt Willi Fäh. Er leitet die Abteilung Orientierung und Mobilität von Obvita Ostschweizerischer Blindenfürsorgeverein und bietet Trainings für Sehbehinderte in der Ostschweiz an. «Ich suche den Bahnhofplatz gerade jetzt gerne mit Betroffenen auf, weil es dort viele Übungsmöglichkeiten gibt», sagt Fäh.

Baustellen sind abgesichert

Er ist auch als Bauberater unterwegs. Zusammen mit einem Betroffenen und einem Vertreter des städtischen Tiefbauamts ist er die Baustellen mehrfach abgegangen.

Die Vorschläge, wie der neue Bahnhofplatz optimal für Sehbehinderte begehbar ist, entstanden also nicht nur am Bürotisch. Aus diesen Begehungen haben sich verschiedene Massnahmen ergeben:

• Leitlinien führen zu den verschobenen Bushaltestellen. Sie wurden mit Einstiegsmarkierungen versehen; • Zum Teil gibt es auch sprechende Säulen mit akustischen Fahrgastinformationen; • Die Plakate mit Fahrgastinformationen der Stadt während der Umbauphase sind mit grossen Schriften und guten Kontrasten versehen; • Sehbehinderte erhalten am Schalter der Verkehrsbetriebe St. Gallen (VBSG) Hilfe; • Telefon 071 224 45 00 liefert jederzeit aktuelle Informationen über Baustellen, Veränderungen rund um den Bahnhof und Verschiebungen von Haltestellen; • Baustellen werden mit Baulatten am Boden abgesichert, damit Blinde den Stock anschlagen können; • Am Ende des Umbaus wird ein Leitliniensystem Blinde und Sehbehinderte sicher vom Bahnhof zu den Bushaltestellen, zur neuen Haltestelle der Appenzeller Bahnen sowie Richtung Stadt und zu den Lokalitäten der Sehberatung Obvita führen.

Auch Mobilitätsbehinderte bringen sich ein. «Schwerpunktthema waren die neuen Businseln», sagt Markus Alder. Der Leiter der Bauberatung von Procap St. Gallen-Appenzell ist bei den Begehungen stets auch dabei und für die Stadt stets der erste Ansprechpartner, wenn es um die Belange von Behinderten geht.

Rollstuhlgängige Busperrons

Die neuen Inseln erhalten erhöhte Perrons. Selbst bei Niederflurbussen bleibt, wenn sie sich neigen, noch ein Höhenunterschied von maximal 10 Zentimetern. Durch die Anhebung der Perrons auf 22 Zentimeter gelangen Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer ebenerdig in die Fahrzeuge. Erschlossen werden die neuen Inseln von der Mitte her.

Entscheidend sind die Neigungswinkel, damit Rollstuhlfahrer selbständig aufs Perron gelangen können. Wichtig ist auch die Perronbreite – falls jemand fällt. Eine Rolle spielt auch, wo die Wartehäuschen stehen.

Für alle Verkehrsteilnehmer

Die Stadt St. Gallen muss das Behindertengleichstellungsgesetz einhalten – nicht nur am Bahnhofplatz, sondern in der ganzen Stadt. Für die Umsetzung bleibt bis 2023 Zeit.

Die Stadt hält sich über das nationale Gesetz hinaus noch an weitere Verordnungen. Zu den stadtweiten Massnahmen zählen auch Ampeln mit akustischen Signalen.

Für die Umsetzung aller Massnahmen sind erhebliche Mittel nötig. «Kosten und Nutzen müssen aber verhältnismässig sein», sagt Beat Rietmann, als Stadtingenieur auch oberster Verantwortlicher für den Bahnhofplatzumbau.

Stark frequentierter Platz

«Der Platz ist so stark frequentiert, dass die Stadt alles dran setzen will, damit er hindernisfrei wird. Vom Komfort profitieren Betagte, Leute mit Kinderwagen oder mit vorübergehenden Sportverletzungen. Die ganze Bevölkerung erreicht so die öffentlichen Verkehrsmittel leichter.»

Der Rundgang ergibt: Die Behindertenorganisationen fühlen sich bei diesem Grossprojekt ernst genommen. Bauberater Willi Fäh sagt: «Und unsere Verbesserungsvorschläge finden auch Gehör.»