Mit dem Skateboard vor der Richterin

Sonntagsgericht

Silvan Meile
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Seinen Drogenkonsum habe er zurückgefahren. «Ab und zu rauche ich aber noch einen Joint», sagt der 41-Jährige vor dem Bezirksgericht Frauenfeld. Ruhig sitzt er auf seinem Stuhl, spricht mit leiser Stimme. Im Frühling kontrollierten Thurgauer Kantonspolizisten den gebürtigen Spanier an der Zürcherstrasse in Frauenfeld. Dabei fanden sie 30 Gramm Kokain, 36 Gramm Marihuana und 1620 Franken Bargeld in seinem Rucksack.

In tarnfarbenen Militärhosen, einem Kapuzenpulli und dem Skateboard unter dem Arm erscheint der Angeklagte vor der Frauenfelder Richterin, um sich wegen Drogenhandels zu verantworten. Es ist ein abgekürztes Verfahren. Nach 80 Tagen in Untersuchungshaft ist der Mann mit der von der Staatsanwaltschaft beantragten bedingten Gefängnisstrafe von elf Monaten bei einer Probezeit von zwei Jahren einverstanden. Im April erwischt, im Juli verurteilt. In hohem Tempo brachte der Skateboarder den Weg durch die Thurgauer Justiz hinter sich. Das Gericht muss nur noch darüber urteilen, ob die vom Angeklagten akzeptierte Strafe der Staatsanwaltschaft in diesem Fall tatsächlich angemessen ist.

Der Beschuldigte gibt seine Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz zu. Von wem er das Kokain und das Marihuana hatte und an wen er es weiter verkaufte, darüber schweigt der Mann aber eisern. In der Anklageschrift wertet das die Staatsanwaltschaft als «unkooperatives Verhalten». Negativ ins Gewicht falle ausserdem die fehlende Reue des Beschuldigten, heisst es darin weiter. Zu Gunsten des Drogenhändlers hält die Staatsanwaltschaft in der Anklage die Tatsache fest, dass dieser «nicht aus reiner Gewinnsucht mit Betäubungsmitteln handelte, sondern auch, um seine eigene Abhängigkeit von Kokain und Marihuana zu finanzieren».

Eine eigene Wohnung hat der Mann nicht. Er ist bei seiner Schwester im Kanton Zürich untergekommen. Weil er keine Vorstrafen aufweist und ihn bei seiner Schwester ein gewisses soziales Netz erwartet, kommt er mit einer bedingten Haftstrafe davon.

«Was haben Sie für Pläne in Ihrem Leben?», will die Richterin wissen. «Ich suche Arbeit», sagt der Beschuldigte, die Hände verschränkt, beide Ellbogen auf dem Tisch vor ihm. «Vielleicht in Spanien – oder in Basel.» Er komme soeben von der Stadt am Rheinknie, habe dort ein Vorstellungsgespräch gehabt. Gelernt habe er Schweisser, letztmals gearbeitet hingegen als Maler.

Das Gericht wertet das Strafmass von elf Monaten als angemessen. Auch seien die Voraussetzungen für ein abgekürztes Verfahren erfüllt. Nach kurzer Beratung bestätigt das Gericht die geforderte Strafe von elf Monaten bedingt. Hinzu kommen mehrere tausend Franken für die Verteidigung, die Gerichtskosten und die Aufwände der Staatsanwaltschaft.

«Finden Sie den Rank und nehmen Sie Ihre Verantwortung wahr», redet die Richterin dem Mann ins Gewissen. Sein Blick wandert dabei schnurstracks zu Boden. Die Richterin spricht seine Verantwortung als Vater an. Denn der Mann hat eine Tochter, die ohne ihn aufwächst. «Sie lebt ihn Spanien bei meinen Eltern», sagt der Angeklagte. Sie würden sich um die Kleine kümmern. Die Mutter seines Kindes sei bereits verstorben.

Silvan Meile