Mit dem Segen des Gewerbes

Vor Wahlen lanciert der kantonale Gewerbeverband regelmässig Wahlempfehlungen. Das hat er auch für die Grossratswahlen vom kommenden 10. April wieder getan. Und erntet auch dieses Mal Kritik.

Christian Kamm
Drucken
Teilen
Exklusiver Club: Nur jeder 13. Thurgauer Grossratskandidat schafft es auf das Wahlempfehlungs-Ticket des Gewerbeverbandes. (Bild: Andrea Stalder)

Exklusiver Club: Nur jeder 13. Thurgauer Grossratskandidat schafft es auf das Wahlempfehlungs-Ticket des Gewerbeverbandes. (Bild: Andrea Stalder)

FRAUENFELD. «Ich verstehe mich als Gewerbler durch und durch», sagt Peter Dransfeld. Dennoch hat es der Ermatinger, der bereits im Kantonsparlament sitzt und erneut kandidiert, nicht auf das Wahlempfehlungs-Ticket des Thurgauer Gewerbeverbandes (TGV) geschafft. Schaut man sich Dransfelds gewerbliche Meriten an, ist das auf den ersten Blick erstaunlich. Nicht nur gehört ihm eines der grössten Architekturbüros im Kanton, Dransfeld ist seit 25 Jahren auch Mitglied im Ermatinger Gewerbeverein und hat in den letzten Jahren mit dem Baugewerbe für 80 Millionen Franken Gebäude realisiert. Sein einziger Makel aus gewerblicher Sicht: Er ist in der falschen Partei. Der Architekt sitzt für die SP im Grossen Rat.

Protestbrief geschrieben

Peter Dransfeld hat seinem Ärger Luft gemacht und TGV-Präsident Hansjörg Brunner einen Brief geschrieben. Es könne doch nicht sein, dass der Gewerbeverband mit seinen Mitgliederbeiträgen eine Wahlempfehlung «für meine geschätzten Mitbewerber finanziert», kritisiert der Übergangene.

Brigitte Kaufmann, beim TGV für den Bereich Politik verantwortlich, kennt diese Klagen. Wenn immer der Verband Wahlempfehlungen publiziere, «gibt es Stimmen, die nicht zufrieden sind». Dass sich unter den 68 Grossratskandidaten, die den Segen des Gewerbeverbandes erhielten, ausschliesslich Vertreter von FDP, SVP, CVP, EDU, EVP und BDP finden, erklärt Kaufmann politisch. Der Gewerbeverband sei eben auch eine politische Organisation, die sich ständig im Abwehrkampf gegen gewerbe- beziehungsweise wirtschaftsunfreundliche Vorlagen befinde. Und die Mitglieder der betreffenden bürgerlichen Parteien würden jeweils mithelfen, solche Vorstösse abzuwehren.

Auch stellt sie klar: Der Verband spricht selber keine Kandidaten an. «Wir gehen nicht suchen.» Sondern die Parteien seien am Zug. Sie könnten ihre Kandidaten, die in Frage kämen, melden. Anschliessend geben die lokalen Gewerbevereine dann grünes Licht für die Nominierten. Und das letzte Wort haben der TGV-Vorstand und die Präsidentenkonferenz. So will man sicherstellen, dass niemand vergessen geht.

GLP draussen vor der Tür

Zu jenen, die es noch nie in den erlauchten Kreis der Gewerbeverbands-Favoriten geschafft haben, gehören auch die Grünliberalen. Obwohl etwa im Bezirk Kreuzlingen mit Klemenz Somm und Reto Ammann zwei Unternehmer die Liste anführen. «Wenn Ammann gewählt würde, wäre er sogar einer der grössten Arbeitgeber im Grossen Rat», sagt Kantonsrat Klemenz Somm. Man habe wiederholt beim TGV angeklopft, aber nie eine sachliche Begründung für die Nichtberücksichtigung erhalten. «Offenbar fürchten sie uns als Konkurrenz im politischen Wettkampf.» Im GLP-Wahlflyer heisst es unter anderem: «Viele KMU leiden an der hohen Regelungsdichte. Wir wollen freies Unternehmertum fördern. (…) Bürokratie und Überregelung müssen reduziert werden.» Sätze, die eigentlich wie Glocken in den Ohren des TGV klingen sollten. Brigitte Kaufmann verweist erneut aufs Prozedere. Auch eine Wahlempfehlung für einen Grünliberalen müsste von der gewerblichen Basis her kommen. Es sollte eine Bewegung entstehen und ein Bedürfnis, indem sich jemand im lokalen Gewerbeverein speziell profiliert habe. «Bis jetzt ist das eindeutig nicht so.»

SVP nur auf dem zweiten Platz

Und noch ein anderer hätte Grund zum Klagen: SVP-Präsident Ruedi Zbinden. Ist seine Partei ansonsten im Thurgau meist das Mass aller Dinge, hat sie dieses Mal die Zwei auf dem Rücken. Mit 18 SVP-Kandidaten, die der TGV unterstützt, liegt die Partei klar hinter dem Spitzenreiter FDP (27). Hat die SVP vielleicht gewerbepolitischen Nachholbedarf? «Nein», sagt Zbinden und nennt sich gleich selber als Beispiel. Er habe über 30 Jahre in der Privatwirtschaft gearbeitet, in leitender Funktion und war an der Firma beteiligt – «aber jetzt, als Gemeindepräsident, erfülle ich die Kriterien des TGV nicht mehr». Solche Fälle wie ihn gebe es viele, bringt Zbinden die relative Unschärfe solcher Wahlempfehlungen auf den Punkt. «Alles Grossratskandidaten, die es nicht mehr auf die TGV-Liste schaffen, obwohl sie, wie ich, sehr gewerbefreundlich sind.»

Mit Blick auf die SVP kommt für Zbinden hinzu, dass etwa die Trennung zwischen Unternehmer und Bauer nicht klar gezogen werden könne. «Bei uns sind die Bauern auch Unternehmer», sagt Zbinden. In seiner Gemeinde Bussnang lebt er das schon vor. Zum Unternehmerapéro, den die Gemeinde jedes Jahr spendiert, sind auch alle Bauern eingeladen.

Brigitte Kaufmann Leiterin Bereich Politik beim Thurgauer Gewerbeverband (Bild: Nana do Carmo)

Brigitte Kaufmann Leiterin Bereich Politik beim Thurgauer Gewerbeverband (Bild: Nana do Carmo)

Aktuelle Nachrichten