Mit dem Rauch kommt die Kraft

ERLEN. Madlen Neubauer aus Erlen pflegt einen alten Brauch. Sie räuchert ihre Wohnräume. An Kursen gibt die Biogärtnerin ihr Wissen weiter. Die Teilnehmer können sich dort ihre ganz persönlichen Räuchermischungen zusammenstellen.

Maya Mussilier
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Madlen Neubauer aus Erlen räuchert ihr Wohnzimmer mit Kräutern. (Bild: Reto Martin)

Madlen Neubauer aus Erlen räuchert ihr Wohnzimmer mit Kräutern. (Bild: Reto Martin)

In der behaglichen Stube der Familie Neubauer in Erlen flackern zwei Kerzen. Auf dem Tisch stehen verschiedene Utensilien zum Räuchern bereit. «Ich werde uns gleich eine Räuchermischung aufsetzen, eine die gut ist für die kreative Schaffenskraft», sagt Madlen Neubauer. Sie greift zu einer Kiste und öffnet den Deckel. Fein säuberlich, in kleinen Abteilen, bewahrt die Biogärtnerin darin allerlei Pflanzen, Gewürze und Harze zum Räuchern auf. «Das ist für den Hausgebrauch», sagt sie.

In ihren Räucherkursen breitet sie jeweils rund 30 verschiedene Pflanzen auf grossen Tischen aus. «Damit die Kursteilnehmer eine reiche Auswahl kennenlernen», sagt Neubauer.

Räuchern für das Wohlbefinden

Ein bisschen Muskatnuss mischt Madlen Neubauer mit zerquetschten Wacholderbeeren, etwas Fichtenharz, Sandelholz und Mariengras. Das ganze wird auf einem kleinen Metallsieb drapiert und auf das Räucherstövchen gelegt. Die Kerze lässt zuerst den Harz schmelzen, ein feiner Rauch steigt in die Luft, und kurz darauf breitet sich ein angenehmer Duft aus. Madlen Neubauer schwingt eine grosse Feder: «Damit wird der Rauch im ganzen Raum verteilt.»

Das Räuchern auf dem Sieb ist nur eine Möglichkeit. Auf dem Tisch steht ein weiteres Gefäss mit einer Kohlenscheibe drin. «Das Räuchern auf der Kohle empfiehlt sich aber mehr für harzige Mischungen. Für die Pflanzen ist die Hitze zu gross», sagt Madlen Neubauer. Dann hebt sie ein Pflanzenbündel in die Höhe. «Diese stelle ich für verschiedene Zwecke zusammen», sagt sie. «Zum Aktivieren, Entspannen, zum Reinigen oder zur Förderung von Heilungsprozessen.» Die Pflanzenbündel werden im Freien angezündet und ausgeblasen. Erst danach kommt sie damit wieder ins Haus. Durch das Schwenken des glimmenden Bündels wird der Rauch im Raum verteilt. Damit nichts auf den Boden fällt, hält Madlen Neubauer einen Teller darunter.

An Weihnachten und Neujahr

Das erste Mal mit dem Räuchern in Berührung gekommen ist Madlen Neubauer als Kind in der katholischen Kirche. «Das war für mich immer etwas Besonderes», erzählt sie. «Ich mochte den Duft und die Stimmung.» Trotzdem geriet das Räuchern für sie viele Jahre in Vergessenheit.

Erst als sie in die Familie Neubauer einheiratete, kam sie damit wieder in Berührung. «Meine Schwiegermutter Martha pflegte alte Räucher-Bräuche aus dem Appenzellerland. An Weihnachten und Neujahr wurde das Haus ausgeräuchert.» Dieser Brauch habe damit zu tun, das alte Jahr zu verabschieden und sich für das neue Jahr zu öffnen. Ein zweiter Brauch sei es gewesen, bei Gewitter und Unwetter gesegnete Palmzweige anzuzünden und das Gebet mit dem Rauch zu verstärken.

Ausbildung an Kräuterakademie

Selbst zum Räuchern gefunden hat Madlen Neubauer allerdings erst vor sechs Jahren, als sie eine Ausbildung an der Kräuderakademie in Salez machte. Bei einer Kollegin besuchte sie den ersten Räucherkurs. «Ich bin langsam in das Thema rein gegangen und habe gestaunt, was aus der Kultur unserer Vorfahren alles vorhanden ist.» So habe sie im Laufe der Zeit bei verschiedensten Ereignissen Räuchermischungen ausprobiert.

Das Schlüsselerlebnis habe sie allerdings erst später gehabt. «Ich fühlte mich unmotiviert und wollte mich auf dem Sofa ausruhen.» Dazu habe sie eine vitalisierende Mischung aufgesetzt. Doch statt der Entspannung seien Kraft, Schwung und Ideen gekommen. «Das machte mir klar, ob ich es mir eingestehen will oder nicht, die freigesetzten ätherischen Öle haben eine Wirkung auf meine Verfassung und mein Wohlbefinden.»

An diesem Punkt fasste Madlen Neubauer den Entschluss, ihr Wissen über das Räuchern in Kursen weiterzugeben. «Man merkt, das Interesse ist gross und die Leute kommen wieder vermehrt auf solche alten Bräuche zurück», stellt sie fest. Ihre Kurse seien gut besucht.

Kein Hokuspokus

«Es ist kein Hokuspokus dabei», betont die Biogärtnerin, die selbst immer wieder darüber staunt, wie viel die Natur für die menschlichen Lebenskräfte bereit hält. «Viele Pflanzen haben wir im hauseigenen Garten, wir werfen sie im Herbst auf den Kompost. Wenn man aber ausgewählte Pflanzen trocknet, kann man seine eigenen Räuchermischungen zusammenstellen.» Es sei etwas ganz Besonderes, die Pflanzen zu ernten, zu trocknen und für das Räuchern vorzubereiten. «Der Vorbereitungsprozess verstärkt die Wirkung, die Aufmerksamkeit ist ganz da», ist Madlen Neubauer überzeugt.

Daneben hält sie fest: «Es ist gar nicht so schwierig. Es gibt ganz einfache Räucherungen. So kann beispielsweise Lavendel im Kinderzimmer verwendet werden, damit das Kind besser in den Schlaf findet.» Seit zwei Jahren bietet sie im Onlineshop und in der Gärtnerei fertige Räuchermischungen an.

Den nächsten Räucherkurs bietet Madlen Neubauer am Samstag, 29. November, von 9.30 bis 16 Uhr an. Interessierte melden sich unter madlen@neubauer.ch