Mit Bauern auf Stimmenfang

Der oberste SVP-Chef Toni Brunner lässt keine Zweifel aufkommen: Ohne Bauern reüssiert die Partei in den Wahlen im Herbst nicht. Die St. Galler SVP folgt ihm und schickt drei Bauern ins Rennen. Doch die Bauernliebe hat ihre Grenzen.

Regula Weik
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«Wir dürfen das bäuerliche Terrain auf keinen Fall CVP und FDP überlassen», sagt der oberste SVP-Chef Toni Brunner. (Bild: ky/Martin Rütschi)

«Wir dürfen das bäuerliche Terrain auf keinen Fall CVP und FDP überlassen», sagt der oberste SVP-Chef Toni Brunner. (Bild: ky/Martin Rütschi)

ST. GALLEN. Im Eingang steht ein Piaggio. Das Wahlmobil der SVP. Es eigne sich für gemütliche Fahrten über kürzere Distanzen, sagt Herbert Huser, Präsident der St. Galler SVP. Die kantonalen Delegierten freilich begeben sich am Nominationsabend auf eine längere, spritzige und kurvenreiche Fahrt. Auslöser ist ihr oberster Chef: Toni Brunner. Der nationale Parteipräsident wirbelt das Prozedere des Kantonalvorstandes gehörig durcheinander. Sein Antrieb: «eine tiefe Sorge» – darüber, dass die St. Galler SVP ihre Herkunft vergisst. Die Bauern.

«Wir sind mit den Bauern stark geworden», schmettert Brunner in Saal. «Wir sind von Beginn weg von bäuerlichen Kreisen unterstützt worden. Und heute? Heute dürfen die Bauern noch um den letzten Listenplatz mitstreiten. Das darf nicht sein.»

Ein Drittel sind Bauern

Lange ist es her, dass Brunner derart furios vor den St. Galler Delegierten aufgetreten ist. Für sein Herzensanliegen, eine stärkere bäuerliche Vertretung, gibt er alles. Seine Drohgebärde – «wir müssen alles tun, um die vier Sitze in Bern halten zu können» – brauchte es gar nicht erst, um die Delegierten von seinen Überlegungen zu überzeugen.

Doch was ist dran am Lamento Brunners, CVP und FDP machten der SVP das bäuerliche Terrain streitig? Heute ist ein Drittel der St. Galler Nationalräte Bauern. Die CVP ist mit mehr Landwirten in Bern vertreten als die SVP, nämlich mit Jakob Büchler und Markus Ritter. Von den vier SVP-Nationalräten bringt nur Toni Brunner Stallgeruch mit. Und der einzige FDP-Vertreter in der grossen Kammer, Walter Müller, ist ebenfalls Bauer.

Dies erklärt auch, weshalb die CVP mit drei und die FDP mit zwei bäuerlichen Vertretern im Herbst in den Wahlkampf steigen. Die SVP hält mit ihren drei Bauern-Kandidaten Toni Brunner, Jakob Freund und Gottfried Jud mit – dank der Intervention des Toggenburgers.

Die bäuerliche Anlehnung der bürgerlichen Parteien kommt nicht von ungefähr: Der Kanton St. Gallen ist noch immer stark bäuerlich geprägt. Gut 3700 Landwirtschaftsbetriebe gibt es im Kanton – St. Gallen belegt damit nach Bern und Luzern im schweizweiten Vergleich den dritten Rang.

«Ein demokratischer Entscheid»

Eigentliches «Bauernopfer» ist der Oberbürer Kantonsrat Bruno Dudli; er war von seiner Kreispartei portiert worden – und findet sich heute nicht auf der Liste. Ebenso wie die «wild» kandidierende St. Gallerin Sarah Bösch. Dudli spricht am Tag nach der Nichtnominierung von einem «demokratischen Entscheid». Seine Welt gehe deswegen nicht unter.

Brunners Einfluss

Der Kampfruf Brunners weckt das Klischee: SVP gleich Bauernpartei. Ist dem heute noch immer so? «Wenn es eine Partei in der Schweiz gibt, auf die das Attribut zutrifft, dann die SVP», sagt Michael Götte, Fraktionschef der SVP im Kantonsparlament. «Wir haben sicher die grösste Nähe zu den Bauern.» Angesprochen darauf, weshalb er sich nicht für die Strategie des Kantonalvorstandes stark gemacht habe, sagt Götte: «Ich kann den Überlegungen Brunners gut folgen. Es kann nicht sein, dass wir am Ende weniger Bauern auf der Liste haben als CVP oder FDP.»

Ob zwei oder drei Bauern, spiele letztlich keine Rolle, sagt der St. Galler Parteipräsident Herbert Huser. «Die Delegierten haben sich für jene zwölf Personen entschieden, denen sie am meisten Potenzial zutrauen.» Schmerzt es ihn nicht, dass Brunner lautstark und launig das Prozedere des Kantonalvorstandes weggewischt hat? «Überhaupt nicht», sagt Huser. Dies umso weniger, als Vorstand und Kreisparteien selber intensiv nach Bauern gesucht hätten – weniger erfolgreich ihr höchster Chef. Die «Hauruckaktion Brunners», wie es ein Delegierter nennt, macht deutlich: Der Toggenburger hat im Vorfeld geschickt für die Bauern lobbyiert – und: Sein Wort hat Gewicht. «Er hat Einfluss», sagt auch Götte.

Neue Kreise gewinnen

Bei manchen SVP-Mitgliedern hat die Bauernliebe Grenzen. «Der Einfluss der Bauern wird heute überschätzt, auch wenn die Partei ihren Aufschwung ihnen zu verdanken hat», sagt ein Delegierter. Die Bauern hätten sie schon lange im Boot, sagt ein anderer. Es wäre daher wichtig, darüber hinaus in andern Kreisen Stimmen zu machen – «so in kleinstädtischen oder städtischen Regionen, wo wir nach wie vor kaum reüssieren».

Ob die Partei auf die richtigen Kandidaten gesetzt hat, wird sich im Herbst zeigen. Das Wahlmobil aber sollte sie schleunigst wechseln – Bauern fahren Subaru.