Mit Anstand renitent

Kommentar

Christian Kamm
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Allen eidgenössischen Drohkulissen zum Trotz: Das Kantonsparlament hat seinen Entscheid von 2014 erneuert und sich vom Französisch­unterricht in der Primarschule verabschiedet. Wie ist diese Renitenz möglich in einem Kanton, der bis dato eher für seine Obrigkeitshörigkeit denn für aufrührerische Anwandlungen bekannt gewesen ist?

Eines vorweg: Das Parlament hat sich seinen Entscheid nicht leicht gemacht. Keine Spur von Nonchalance oder demonstrativer Ignoranz gegenüber den welschen Compatriotes. In dieser Debatte wurde gerungen. Mit sich und den anderen. Das lässt sich allein schon an der langen Liste der zitierten Dichter und Denker ablesen, die in der Sache bemüht worden sind.

Es obsiegte schliesslich die Haltung, dass es keinen vernünftigen Grund geben könne, Primarschüler Frühfranzösischlektionen absitzen zu lassen, von deren Output im Thurgau viele je länger je weniger überzeugt sind. Keine Absage also ans Französisch an sich. Sondern ein Votum für einen – zumindest in den Augen der Befürworter – effizienteren, konzentrierteren und damit bessern Sprachunterricht auf der Oberstufe.

In den Fokus gerät mit diesem Verdikt erneut Erziehungsdirektorin Monika Knill (SVP). Ihr ist es weder gelungen, die Mehrheit des Grossen Rates von der Existenzberechtigung des Frühfranzösischs zu überzeugen, geschweige denn die eigene Fraktion. Die kurz vor dem Showdown und aus taktischen Gründen präsentierten Verbesserungsvorschläge kamen viel zu spät, um über den pädagogischen Kuchen hinaus volle Wirkung entfalten zu können. Und man fragt sich zu Recht: Was haben die Ver­antwortlichen eigentlich in den vergangenen vier Jahren getan?

Et maintenant? Alles läuft nun auf eine kantonale Volksabstimmung hinaus. Die 30 Kantons­räte, die es in der kommenden Schlussabstimmung dafür braucht, werden sich problemlos finden lassen. Den Anhängern des Frühfranzösischs zum Trost: Noch ist der Thurgau also nicht verloren. Und noch manches gewichtige Zitat wird für oder gegen den Frühfranzösischunterricht herhalten müssen.

Christian Kamm

christian.kamm@thurgauerzeitung.ch