Miserable Noten für die Initianten

Geschlossener Aufmarsch von Bildungsvertretern gegen die Initiative für eine«gute Thurgauer Volksschule»: Sie verpolitisiere die Schule und führe sie zurück ins letzte Jahrtausend.

Christian Kamm
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Einhelliges Nein: Vertreter des Komitees gegen die Volksinitiative «Ja zu einer guten Thurgauer Volksschule». Bild: Reto Martin (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Einhelliges Nein: Vertreter des Komitees gegen die Volksinitiative «Ja zu einer guten Thurgauer Volksschule». Bild: Reto Martin (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Kein gutes Haar liess an der gestrigen Medienorientierung das Nein-Komitee an der Initiative «Ja zu einer guten Thurgauer Volksschule» – bis auf den Titel des Volksbegehrens, über das am 27. November abgestimmt wird. Dieser sei geschickt gewählt, mussten selbst die Gegner einräumen. Umso wichtiger sei es nun, die Bevölkerung darüber aufzuklären, um was es den Urhebern der gegen den neuen Thurgauer Lehrplan gerichteten Initiative tatsächlich gehe. Und dass das mit einer guten Schule nichts zu tun habe.

In zwei Jahren nicht zu schaffen

Gemeint ist zum einen die Forderung nach Jahrgangszielen im neuen Lehrplan. «Es ist nicht möglich, am Tag X mit allen Schülern dieselben Ziele zu erreichen», kritisierte Anne Varenne, Präsidentin von Bildung Thurgau. Stattdessen werde so einzig «die Quote von unter- beziehungsweise überforderten Schülern erhöht». Kantonsrat und Schulpräsident Urs Schrepfer (SVP) vom Nein-Komitee führte die drohende Isolierung des Thurgaus und die hohen Kosten eines Lehrplanalleingangs ins Feld. Zudem wäre das in den geforderten zwei Jahren gar nicht zu schaffen: «Ein Ding der Unmöglichkeit.» Dazu komme, dass dieses Geld besser in Menschen statt in Papier investiert werde.

Endlose politische Diskussionen drohen

Auch die zweite Forderung der Initiative ist in den Augen der Gegner kontraproduktiv. Wenn neu der Grosse Rat anstelle der Regierung Lehrpläne und Stundentafeln erlasse, öffne das einer «Verpolitisierung» der Volksschule Tür und Tor, wird argumentiert. «Man muss sich das einmal plastisch vorstellen», warnte Kantonsrat Felix Züst (SP), Präsident des Verbandes der Schulgemeinden: Da rede der Grosse Rat künftig über Lernziele, feilsche um Lektionen für einzelne Fächer «und wir debattieren, bis uns die Augen zufallen». Heraus komme aber höchstens ein «Flickenteppich», der für die Lehrpersonen in der Praxis nicht mehr umsetzbar sei, mahnte Züst. Und weil gegen den Grossratsbeschluss gemäss dem Willen der Initianten dann auch das Referendum möglich ist, könnte das ganze in einer Volksabstimmung enden. «Ich sage nicht, dass die Bevölkerung überfordert wäre», betonte BDP-Kantonsrat Roland A. Huber, ebenfalls Mitglied im Nein-Komitee. Aber: «Das hätte zur Folge, dass jedem Stimmbürger vor der Abstimmung ein Lehrplan mit nicht weniger als 480 Seiten zum Studium nach Hause geschickt werden müsste.»

Unterstützung in der Wirtschaft

Unterstützung erhalten die Befürworter des neuen Lehrplans auch vom Gewerbe. Als «Vollblutgewerbler» begrüsse er die Stärkung des Berufswahlprozesses auf der Oberstufe, sagte Kantonsrat Viktor Gschwend (FDP). Das Gewerbe sei von Anfang an in die Erarbeitung des Lehrplans 21 einbezogen worden. Die Verlagerung zu Kompetenzen und deren Messung seien begrüssenswert. «Die Anwendung von Kompetenzen ist in der beruflichen Ausbildung sehr wichtig.» Thomas Minder, Präsident der Thurgauer Schulleiter, hielt den Initianten vor, sie wollten zu einer «idealisierten Volksschule zurückkehren, die es gar nie gegeben hat». Der Frauenfelder Kantonsrat und Schulpräsident Andreas Wirth (SVP) beklagte, dass auf der Gegenseite mit Desinformation gearbeitet werde. Die Thurgauer Wirtschaft sei auf eine zeitgemässe Bildung angewiesen.