Militärischer Drill oder Spass?

Die Sportkommission des Kantons St. Gallen hat ein Konzept erarbeitet, das die sportlichen Kompetenzen von Kindergärtlern erfassen soll. Dies stösst auf Widerstand, während der Kanton Thurgau solche Tests seit längerem durchführt.

Janina Gehrig
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Purzelbaum schlagen soll geübt sein: Ein Sporttest könnte bereits auf der Kindergartenstufe eingeführt werden. Ziel ist es, die Qualität im Schulsport zu sichern. (Bild: plainpicture/Deepol/Edith Lauens)

Purzelbaum schlagen soll geübt sein: Ein Sporttest könnte bereits auf der Kindergartenstufe eingeführt werden. Ziel ist es, die Qualität im Schulsport zu sichern. (Bild: plainpicture/Deepol/Edith Lauens)

Wer den Softball zehnmal korrekt wirft und fängt, bekommt einen Smiley. Wer den Stein beim Balancieren mehr als dreimal zu Boden fallen lässt, hingegen ein «Lätsch»-Gesicht. Wer den Sprung auf eine dicke Matte verweigert oder beim Purzelbaum abdreht, ebenfalls. So sieht das Raster aus, das die Kompetenzen von Kindergärtlern erfassen könnte. Das Konzept ist ein erster Vorschlag zur Qualitätssicherung im Schulsport im Kanton St. Gallen, ausgearbeitet von der kantonalen Sportkommission im Auftrag des Erziehungsrats. Und es löst viel Wirbel aus.

«Militärische Übungsanlagen»

In einem internen Schreiben, das unserer Zeitung vorliegt, wird im Zusammenhang mit den Beweglichkeits-, Geschicklichkeits-, Koordinations- und Ausdaueraufgaben von «militärischen Übungsanlagen» gesprochen. «Die Fähigkeiten entsprechen nicht dem natürlichen Bewegungsbedürfnis und nur bedingt den zu fördernden motorischen Basisfunktionen.» Wichtiger sei es, das «junge Kind» ohne Druck, ganzheitlich und spielerisch zu fördern. «Das Kind soll nicht durch Tests die Freude an der Bewegung verlieren. Das Ganze erinnert ans Militär und die Kindergartenlehrpersonen sind nicht bereit, bereits im Kindergarten die Kinder militärisch zu drillen!» Der Stufentest am Ende des zweiten Kindergartenjahres werde daher von den Lehrpersonen «kategorisch abgelehnt», heisst es weiter.

«Skeptisch gegenüber einem Leistungstest im Kindergarten» äussert sich auch der Leiter des Amts für Volksschule, Rolf Rimensberger. Das Ziel, die Qualität im Sportunterricht zu überprüfen, stehe allerdings im Zusammenhang mit dem kompetenzorientierten Lehrplan 21 (siehe Kasten), der in einem Jahr eingeführt werden soll. Ob die Kompetenzen erreicht werden, liege in der Verantwortung der Lehrperson. «Es ist aber noch nicht gesagt, dass ein solcher Sporttest auf Kindergartenstufe tatsächlich zum Tragen kommt», sagt Rimensberger. Das Papier sei nur eine Grundlage, über die noch diskutiert würde. Das Amt für Volksschule und das Amt für Sport seien daran, das Konzept auszuarbeiten.

Wegweiser für die Lehrpersonen

Das bestätigt David Kalberer, Leiter Schulsport im Amt für Sport des Kantons St. Gallen: «Unser Konzept ist ein Wegweiser, um die Qualität im Schulsport voranzutreiben.» Der Sport habe den gleichen Stellenwert wie andere Fächer. Eine Art Einstufungstest hält er für sinnvoll, weil sich die Kinder hinsichtlich motorischer Fähigkeiten immer mehr unterscheiden würden. Obligatorische Schulsportprüfungen gebe es im Kanton St. Gallen nur für die Oberstufe, in der 4. und 6. Klasse können solche freiwillig durchgeführt werden. Auf der Kindergarten- und der Unterstufe fehlten ähnliche Überprüfungen. Es gehe nicht darum, einem Kind den Übertritt vom Kindergarten in die Schule zu verweigern, erfülle es die sportlichen Aufgaben nicht. «Ziel ist es, den Kindern Voraussetzungen mitzugeben, an denen sich Lehrpersonen orientieren können.»

Im Thurgau erwünscht

Anders sieht es im Kanton Thurgau aus. Leistungsbezogene Sporttests für Kindergärtler werden bereits seit zwei Jahren freiwillig angeboten. Dafür schlagen die Kinder Purzelbäume, spielen Fangspiele, hüpfen, balancieren oder werfen Tannzapfen über eine Ziellinie. Obligatorische Tests werden hier seit Jahren in der 8. Klasse, aber auch in der 4. und 6. Klasse durchgeführt. «Sie haben allerdings keine Promotionswirkung. Die Kinder erhalten einen Frisbee oder einen Schlüsselanhänger, wenn sie die Übungen erfüllen», sagt der Leiter des Sportamts des Kantons Thurgau, Peter Bär.

Auf Widerstand sei die Einführung der Tests für die Unterstufe nicht gestossen. Im Gegenteil: «Die Lehrpersonen haben sich mit dem Wunsch an uns gewendet.» Mit der Lancierung eines Sporttests sei man dem Lehrplan 21 vorausgegangen. Früher oder später, sagt Bär, würden solche Tests sowieso eingeführt, um das Bildungswesen zu vereinheitlichen. «Nicht überall, wo Leistung verlangt wird, steckt militärischer Drill dahinter.» Dennoch gibt Bär zu bedenken: «Eine gewisse Disziplin ist in der Schule durchaus erwünscht.»

«Sich messen gehört dazu»

Im Kanton Appenzell Ausserrhoden werden derzeit die Sporttests der Oberstufe überarbeitet – «mit der Vision, auch für die Mittel-, Kindergarten- und Unterstufe angepasste Tests zu schaffen», sagt Erich Brassel, Leiter Fachstelle Sport. «Solche Tests machen nur Sinn, wenn sie auf jeder Stufe durchgeführt werden.» Ziel sei es, dass sich die Kinder mehr bewegten. Ob dies über einen Test zu erreichen sei, bleibe dahingestellt. «Aber oft haben die Kinder an Wettbewerben sogar Freude. Sich messen lassen gehört dazu.»

Standardisierte Tests sind einzig im Kanton Appenzell Innerrhoden nicht geplant, wie Schulamtsleiter Norbert Senn sagt.