MIGRATION: Aus dem Speisesaal wird eine Diskussionsarena

An der pädagogischen Maturitätsschule in Kreuzlingen (PMS) debattieren die Schüler derzeit über die Frage, ob die Schweiz mehr Asylsuchende aufnehmen könnte oder sollte. Ein Experte des gemeinnützigen Projekts «Ethik-Atelier» leitet sie dabei an.

Thurgau@thurgauerzeitung.ch
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Eine Woche lang ist das Refektorium im alten Kloster eine Diskussionsarena. Kreisförmig aufgestellte Pappkartons markieren den Raum, in dem die Klassen jeweils eine Doppelstunde Argumente austauschen. Auf der Aussenseite bieten die Wände Platz für Fakten zu den Themen Asyl, Migration und Integration. Auf der Innenseite haben sie Schüler mit Kommentaren und Anmerkungen versehen.

Moderator Stefan Egli begrüsst die Viertklässler, die ihren Philosophieunterricht heute im «Ethik-Atelier» verbringen. Er macht gerade seinen Master in politischer Philosophie und hat schon die Bachelorarbeit über Migration geschrieben.

Wann soll Asyl gewährt werden?

Die jungen Erwachsenen werden in zwei Gruppen eingeteilt. Beide sollen sich überlegen, welche Kriterien für die Gewährung von Asyl gelten sollten, welche Gründe für eine Begrenzung der Zuwanderung sprechen und welche Grundwerte jeweils dahinterstehen. Eine Gruppe nimmt dabei die Perspektive der Flüchtlinge ein, die andere die der Inländer. «Meistens gibt es in weiten Teilen einen Konsens», sagt Stefan Egli. «Spannend wird es dort, wo die Interessen und Meinungen auseinandergehen.» Heute sind die beiden Gruppen sich beispielsweise einig über die besondere Schutzbedürftigkeit von minderjährigen Flüchtlingen. Erwachsene aber wollen nicht alle ins Land lassen. «Wirtschaftsflüchtlinge sind nicht in ihrer Existenz bedroht», sagen die Inländer. «Andere, denen es schlechter geht, müssen Vorrang haben.» Sollte man nicht ohnehin besser diejenigen aufnehmen, die der Gesellschaft am nützlichsten sind? Oder doch eher die, die es am nötigsten haben? Genau auf diese Fragen will der Philosoph die Jugendlichen hinweisen. Antworten hat er nicht parat: «Wir wollen eine Diskussion über gesellschaftliche Werte anregen.» Das funktioniert durch die Rollenverteilung gut: In der Debatte geht es bald darum, ob der Schutz von politisch Verfolgten höher zu gewichten ist als der Schutz der natürlichen Ressourcen. Am Ende können die Schülerinnen und Schüler anhand von fiktiven Identitätskarten selbst überprüfen, ob sie an alle Beweggründe für eine Einwanderung gedacht haben. Die Karten werfen ein Schlaglicht auf das Leben von Migranten vom Kriegsflüchtling bis zur ausländischen Chefärztin.

«Ich bin positiv überrascht über die Mitarbeit der jungen Leute. Es ist ja ein recht emotionales Thema. Deshalb beteiligen sich oft auch Schüler, die sich im Unterricht wohl eher zurückhalten», so der Moderator. Kreuzlingen mit seiner hohen Ausländerquote und dem Empfangszen­trum erschien den Organisatoren vom Verein «Ethique et Cité» der ideale Ort, um nach vier Stationen in der Romandie die Tour durch die Deutschschweiz zu beginnen. Die PMS hat das Angebot gern angenommen. «Uns hat das Konzept überzeugt», sagt Rektor Lorenz Zubler. «Zudem finden wir, dass das Thema von grosser Relevanz und Brisanz ist. Nicht zuletzt haben wir ja auch Menschen mit einem Flüchtlingshintergrund an unserer Schule.»

Inka Grabowsky/PMS

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