«Menschen lösen sich nicht einfach auf»

Sie ist ein Brennpunkt am Rande der Gesellschaft: Die Ausschaffungshaft. Ein Ort verlorener Träume, bedrückter Langeweile und des Gebets. Oft ist sie nur eine weitere Station auf der Odyssee der Flüchtlinge. Denn mit vielen Herkunftsländern fehlen die Rücknahmeabkommen.

Reinhold Meier
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Die Fenster der Zellen ermöglichen einen Blick nach draussen auf den von Mauern umschlossenen kleinen Spazierhof. (Bild: Reinhold Meier)

Die Fenster der Zellen ermöglichen einen Blick nach draussen auf den von Mauern umschlossenen kleinen Spazierhof. (Bild: Reinhold Meier)

So fühlt er sich also an, dieser Platz zwischen Inland und Ausland: kühl, obwohl beheizt, dunkel, obschon beleuchtet, einsam, obwohl hier Menschen leben. Die winzigen Fenster in den eng aneinander gereihten Zweierzellen in einem Ostschweizer Gefängnis erlauben keinen Blick nach aussen, Milchglas und Gitter sind davor. Auch der kleine Spazierhof im Freien ist von Mauern umschlossen. Darüber ein massives Stahlgitter, wie ein Käfig. Schwer auszuhalten, obwohl alles korrekt ist.

Jussa lebt hier vorübergehend. Er ist seit sieben Jahren unterwegs. Mit 18 verlor er sein Zuhause. Er erinnert sich und erzählt stockend. Der Mittzwanziger stammt aus einem Dorf im Norden Nigerias, Provinz Bauchi, wo seit 2001 die Sharia in Kraft ist. Einer Pfingstgemeinde gehörte er an und feierte als Jugendlicher enthusiastische Gottesdienste. Bis der Terror von Boko Haram wütete. Es gab Tote. Auch in seiner Familie. «Wie konnte ich dort noch leben?»

Illegaler Höllentrip

Er machte sich auf den Weg nach Norden, erreichte Agadez in Niger, das Nadelöhr für schwarzafrikanische Migranten auf dem Weg nach Europa. Hier schlug er sich ein Jahr lang als Lastenträger auf Märkten durch. Dann hatte er die 300 Franken für den Fahrpreis, die nötigen Schmiergelder und die illegalen Strassengebühren beisammen. Es ging los: Fast 2000 Kilometer durch die Wüste – ein Höllentrip auf dem offenen Pritschenwagen. Nur wer sich mit Stöcken sicherte, konnte hoffen, nicht hinunterzufallen. Nur wer genügend Wasser dabei hatte, durfte hoffen, nicht zu verdursten. Nach vier Tagen in der Sahara war die Tortur vorbei und der Ort Sabha hinter der libyschen Grenze erreicht. Zwei Jahre verbrachte er während des libyschen Bürgerkrieges in Tripolis. Er sagt nichts zur Überfahrt durchs Mittelmeer. Nur dies: «Ich habe überlebt.»

In Italien wurde er als Asylbewerber registriert. Mehr nicht. Er hielt sich als Tagelöhner über Wasser, lebte in einem Haus ohne Heizung. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, ging nach Mailand, schliesslich nach Chiasso. Ein Dublin-Fall. Juristisch ist der Fall klar: Wer in einem sicheren Land registriert ist, dessen Asylantrag muss dort entschieden werden. Europaweit werden Migranten darum in Erstaufnahmeländer zurückgeschickt, im Glauben, dort laufe ein Asylverfahren. Human Rights Watch kritisiert, dass so Tausende in einer Endlosschleife zirkulieren.

Auch Jussa reiste schon freiwillig zurück nach Italien. Er fand aber keine Dienststelle, die sein Asylgesuch ernsthaft behandelte. So ging er wieder nach Norden. Das ist illegal. Natürlich.

Diepoldsau statt Mali

Übermorgen geht es jetzt offiziell retour nach Mailand. Der Flug ist gebucht, 12.25 Uhr ab Zürich. Was in Italien auf ihn wartet, steht in den Sternen. «Das Problem ist, dass sich Menschen nicht in Luft auflösen», sagt er. Jussa ist ein frommer Mensch. Er trägt ein Kreuz am Halsband. Auf dem Tisch liegt seine Bibel. «Sorge Dich nur um den heutigen Tag», zitiert er die Bergpredigt. Was morgen sei, wisse nur Gott. Nebst Jussa wartet auch Mahmud aus Afghanistan an diesem nüchternen Transitort sowie eine junge Eritreerin, Osman aus Algerien und vier weitere Personen. Jeder hat seine eigene Geschichte voll von Träumen und Traumata – manchmal auch voll von Straftaten. Mahmud kann sich im Gespräch kaum kontrollieren, wirkt angetrieben, übererregt, aggressiv. Es ist die Kehrseite der tödlichen Langeweile und der Untätigkeit in diesen endlosen Wochen vor dem Flug ohne sinnvolles Ziel.

Denn zurück ins Heimatland geht es keineswegs für alle. Ridan aus Mali etwa möchte eigentlich in seine Heimat zurück, weil er die Odyssee satt hat. Doch es gibt kein Rücknahmeabkommen. Für viele afrikanische Länder rechnet sich die Rücknahme nicht, weil die Migranten trotz allem mehr Geld in ihre Heimat überweisen, als an Entwicklungshilfe kommt. So wird Ridan nächstens nach Diepoldsau gebracht, wo er einst eingereist war, zur Rücküberstellung an die Behörden von Österreich.

«Kinder Gottes»

Bei Jussa findet sich ein Spruch an der Wand. «God, please help me.» Bei Ridan liegt ein Koran auf dem Bett, bei Osman ein Gebetsbuch. Einige Bewohner bleiben stumm. Sie schauen den Besucher mit weiten Augen an, sagen kein Wort. In einer Zelle sitzt ein Iraner am Tisch und liest in der Bibel. Sein libanesischer Mitbewohner hat sich im Bett verkrochen. Plötzlich richtet er sich auf und sagt: «Wir sind doch alle Kinder Gottes.» Dann dreht er sich wieder weg.

Es ist ein Satz wie ein Donner. Blitzt in ihm etwas auf von der Hilflosigkeit des Abendlandes? Wirft er hier drinnen ein Schlaglicht auf die Melange aus Ruhe und Verzweiflung? Und dort draussen auf den langsam aufsteigenden Verdacht, die ach so schöne abendländische Idylle sei nur ein Trugbild gewesen, das man mit der Realität verwechselt hat? Jussa sitzt derweil versunken in seinem Stuhl. Er betet.

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