MELODIE: Die glückliche Melancholikerin

Brigitt Zuberbühler aus Pfyn teilt ihr Innerstes mit dem Publikum: Als Lina Button schreibt und singt sie ihre eigenen Lieder. Auf der Bühne zu stehen fällt ihr leichter, als jemanden nach dem Weg zu fragen.

Sabrina Bächi
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Brigitt Zuberbühler aus Pfyn hat den Sprung gewagt und ist heute Sängerin. (Bild: Reto Martin)

Brigitt Zuberbühler aus Pfyn hat den Sprung gewagt und ist heute Sängerin. (Bild: Reto Martin)

Sabrina Bächi

sabrina.baechi

@thurgauerzeitung.ch

«S’git Lüt, die würden alletwäge nie es Lied vorsinge, so win ig jitz hie.» Die Meisten hätten zu grosse «Hemmige», wie Mani Matter singt, auf einer Bühne zu stehen. «Hemmige» kennt auch Brigitt Zuberbühler aus Pfyn. Trotzdem hat sie das Singen zu ihrem Beruf gemacht und lässt die Zuhörer an ihrem Innersten – ihren Gefühlen, Gedanken und Erlebnissen – teilhaben.

«Am Anfang brauchte es einiges an Überwindung, jemandem meine Songs zu zeigen. Mittlerweile ist es für mich normal», sagt die 33-jährige Thurgauerin. Seit acht Jahren steht sie als Lina Button auf der Bühne. Hinter dem Künstlernamen will sie sich jedoch nicht verstecken. «Wenn die Leute meinen richtigen Namen lesen, denken sie nicht an die Art von Musik, die ich mache», sagt sie. Deshalb habe sie sich einen Namen gesucht, der besser zur Musik passt, die sie singt und schreibt. Lina gefiel ihr einfach. Den Nachnamen hat sie drei Monate lang gesucht, bis er ihr auf einem Reggae Konzert «einfach zuflog», wie sie sagt. So wurde aus Brigitt Zuberbühler Lina Button. Kurz, knackig, englisch und doch nicht zu schwierig in der Aussprache. «Meine Musik ist emotional und Wortklang-orientiert. Deshalb singe ich auf Englisch.» Nur mit der Band Silberbüx, mit der sie als Brigitt Zuberbühler auftritt, singt sie Kinderlieder in Mundart.

Bevor sie mit Singen ihr Brot verdiente, erlernte sie einen «richtigen» Beruf. Nach dem Studium als Musik- und Bewegungspädagogin arbeitete sie als Lehrerin. Doch die Musik liess sie nicht los. Im Gegenteil: «Die Musik musste aus mir raus. Es war ein unglaublich starkes Bedürfnis, das ich nicht unterbinden konnte», sagt sie. Deshalb habe sie, trotz Skepsis und Unsicherheiten, den Sprung gewagt und ist Musikerin geworden. «Ich wusste, dass ich den Nichtversuch viel mehr bereuen würde als den Misserfolg.» Ohne Erwartungsdruck fing sie an, ihr erstes Album zu produzieren – mit Erfolg. Es folgten die Platten Nummer zwei und drei, und nun will sie sich die Zeit nehmen, um für ihre nächste Produktion zu schreiben.

Musik gehörte schon immer dazu

Aufgewachsen ist Brigitt Zuberbühler mit ihrer älteren Schwester Kathrin in Pfyn. «Wir hatten kein Fernsehgerät, was uns natürlich nervte, aber wir hörten viel Radio und Platten.» Musik war zu Hause wichtig und allgegenwärtig. «Mein Vater hat viel mit uns gesungen, als wir Kinder waren», sagt sie lächelnd. Obwohl ihre Schwester auch sehr gut singen kann, hat sie einen ganz anderen Weg eingeschlagen: «Sie hat mit 28 Jahren den Doktor gemacht, ich bin fast geplatzt vor Stolz», sagt sie. Heute arbeitet Kathrin in den USA in der Krebsforschung. «Sie ist eher ausgeglichen, bei mir gehen die Gefühle auf und ab. Aber genau das brauche ich, um meine Songs zu schreiben – ich kann die Melancholie auskosten und in Musik verwandeln.»

Offen, ehrlich und frei heraus erzählt sie von ihrem Leben. Erst wenn es darum geht, wie ihre private Zukunft aussehen soll, sucht sie nach Worten, fuchtelt mit den Händen, wirkt etwas ratlos. Sie sei nicht auf der Suche nach einem Lebenspartner, der wäre nur noch das «Tüpfli auf dem ‹i›». Sie lebt viel eher im Jetzt, kann sich selbst ganz gut beschäftigen und schliesst mit der Erkenntnis: «Ich finde das ‹i› kann auch ohne Punkt ganz gut da stehen.»

Interessiert und mit wachen Augen lässt sie den Blick schweifen. Die braunen Locken fallen ihr ins Gesicht, die sie mit eleganter und schwungvoller Handbewegung nach hinten streicht. Ruhig sitzt sie da. In Zürich wohne sie, weil sie hier gute Kontakte hat und findet, die ihr beruflich weiterhelfen. «Ich fühle mich wohl in Zürich, aber der Thurgau ist meine Heimat, mein Zuhause.» Sie vermisst den Bodensee (er sei nicht zu vergleichen mit dem Zürichsee) und die Ruhe. Um Songs zu schreiben, geht sie auch zu ihrer Mutter in den Thurgau. In Zürich setzt sie sich oft in ein Schiff. «Gerade im Sommer, wenn alle Leute draussen sitzen, kann ich drinnen in Ruhe schreiben.» Oftmals entstehen Text und Melodie gleichzeitig. Auch schon hat sie von einem Lied geträumt und es dann aufgeschrieben. Meist hat sie aber den Text zuerst. «Die Worte geben einen Rhythmus und einen Klang vor, der dann das Finden der Melodie viel einfacher macht», erklärt sie. Manchmal komme sie auch nicht weiter, und wenn sie die Melodie am nächsten Tag nicht mehr im Kopf habe, sei sie sowieso für die Katz, sagt sie scherzhaft.

Gewisse Unsicherheiten bleiben

Ihre persönlichen Gedanken und Gefühle auf der Bühne mit dem Publikum zu teilen, habe sie früher nervös gemacht. Die Frage nach dem Urteil anderer machte sie unsicher. Heute geht sie lockerer damit um. Dennoch: gewisse Unsicherheiten bleiben. Einen Fremden nach dem Weg zu fragen falle ihr immer noch schwer. «Viele sind erstaunt, wenn sie mich kennen lernen und merken, dass ich eher eine scheue Person bin», sagt sie. «Aber auf der Bühne weiss ich, dass die Leute wegen mir kommen. Sie wollen mich hören, und das nimmt mir einen grossen Teil der Angst.»

In vielen Bereichen hat sie mit ihren «Hemmige» gelernt zu leben. Mittlerweile kann sie sogar Interviewtermine geniessen. Das sei für sie zu Beginn ganz schrecklich gewesen. Ihre Angst davor, dass sie vielleicht nicht die richtigen Antworten finde, habe ihr schlaflose Nächte bereitet. Unsicherheiten hat sie immer mit Singen wettmachen können. Es beruhigt sie.

Seit sie jedoch hauptberuflich Musikerin ist, musste sie sich etwas ausserhalb der Musikwelt suchen, das sie ablenkt und beruhigt. Deshalb besucht sie einmal die Woche ein Malatelier. Zudem hat sie einen Talisman, der sie stets begleitet. Es ist ein Anhänger ihrer Kollegin Flavia Tschanz. «Sie ist Goldschmiedin und hat mir den Wildsau-Anhänger geschenkt. Er begleitet mich seit dem Anfang meiner Musikkarriere und bringt mir Glück», sagt Brigitt Zuberbühler.