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MEINUNGSFREIHEIT: «Als Demokrat kann ich nicht dafür stimmen»

Am Ostersonntag wählten die Türken ein neues Präsidialsystem, das Präsident Erdogan mehr Macht verleihen wird. Der Thurgauer Onur Kacan hat, wie viele Schweiz-Türken, mit Nein gestimmt.
Florian Beer

Onur Kacan (28) ist Mitglied des Türkischen Kulturvereins in Frauenfeld. Der studierte Wirtschaftsinformatiker arbeitet am Flughafen Zürich als Projektleiter im Bereich Luftfahrttechnik.

Herr Kacan, wie haben Sie

auf das Wahlergebnis vom letzten Sonntag reagiert?

Ich war natürlich sehr enttäuscht, gerade deswegen, weil das Ergebnis über die Einführung eines Präsidialsystems mit 51,4 Prozent äusserst knapp ausgefallen ist. Ausserdem herrscht immer noch die Ungewissheit, ob es bei der Wahl mit rechten Dingen zu und her gegangen ist oder ob tatsächlich ungültige Wahlzettel mitgezählt wurden.

Glauben Sie, dass die Manipulationsvorwürfe bald aufgeklärt werden?

Das bezweifle ich. Natürlich hoffe ich, dass die Justiz in Ankara versucht, die Wahl sauber aufzuklären, aber dazu wird es wohl nicht kommen. In der Regierung kommt alles von Erdogans AKP-Partei. Sie versucht erfolgreich, kritische Stimmen zu unterdrücken und gar zu verschweigen.

Was haben Sie und die Mitglieder des Türkischen Kulturvereins abgestimmt?

Auf meinem Wahlzettel habe ich «Hayir», also Nein, angekreuzt. Das gilt auch für alle Mitglieder unseres Vereins, die ebenfalls das geplante Präsidialsystem abgelehnt haben. Der Türkische Kulturverein Frauenfeld steht seit seiner Gründung im Jahr 1992 für eine freie und multikulturelle Türkei. Egal ob Kurde, Aramäer, Muslim oder Katholik, alle sollen ihre Stimme abgeben und eine eigene Meinung haben dürfen. Genau das möchte die AKP von Präsident Erdogan mit dem neuen Präsidialsystem verhindern.

Warum habe Sie Nein gestimmt?

Ich bin hier in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Ausser der Demokratie kenne ich kein anderes politisches System. Ich kann nicht für ein Referendum stimmen, das die Meinungsfreiheit in der Türkei massiv einschränkt und die Macht eines autokratischen Präsidenten ausweitet, während ich in Freiheit und Demokratie leben darf. Das ist meinen Landsleuten nicht fair gegenüber.

Können Sie sich erklären, warum in der Schweiz 62 Prozent der türkischen Stimmberechtigten gegen die neue Staatsform gestimmt, in Deutschland aber 63 Prozent dafür gestimmt haben?

Meiner Meinung nach liegt das vor allem am Bildungsstandard. Viele Deutsch-Türken stammen von Gastarbeitern ab, die für Baustellen oder Fabrikarbeiten nach Deutschland geholt wurden. In der Schweiz oder in den Vereinigten Staaten dagegen leben viele türkischstämmige Akademiker, die als Facharbeiter eingewandert sind. Ein weiterer Grund dürfte die Integrationspolitik der Schweiz sein. Die Türken hierzulande sind im Durchschnitt besser integriert als beispielsweise in Deutschland. Dort ist man uns eher kritisch gegenübergestellt, was auch immer wieder zu lesen ist. Wenn jemand wie Erdogan dann kommt und davon redet, er sei genau wie man selber ein Opfer der Unterdrückung, löst das Emotionen aus.

Was bedeutet der Ausgang dieses Referendums nun für die Türkei?

Auf jeden Fall wird das Land weiter gespaltet. Diese Wahl hat deutlich gemacht, dass entgegen Erdogans Behauptungen nicht das ganze Land hinter ihm und der Reform steht. Es wird daher noch mehr Probleme mit der Radikalisierung geben, was den Kurdenkonflikt und die Syrienproblematik bei uns im Land weiter verschlechtern wird. Die Türkei steht auf jeden Fall vor einer ungewissen Zukunft.

Haben Sie Hoffnung für eine erfolgreiche Zukunft?

Das Präsidialsystem tritt ab 2019 in Kraft. Dann werden vermutlich Neuwahlen um die Präsidentschaft stattfinden. Durch das knappe Ergebnis vom letzten Sonntag erhoffe ich mir die Chance, dass Präsident Erdogan die Wahl nicht gewinnen kann und ein Kandidat aus der Opposition in den Präsidentenpalast in Ankara einziehen wird. Das ist unsere letzte Chance.

Florian Beer

florian.beer@thurgauerzeitung.ch

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