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«Meine Mutter braucht Hustensirup»

Jugendliche nehmen Hustensaft als Rauschmittel zu sich; oft sogar zusammen mit Alkohol. Sie unterschätzen das Risiko einer Abhängigkeit. Thurgauer Apotheken kennen das Problem und reagieren entsprechend.
Amy Douglas
Apothekerin Ursula Hörmann hat verschiedene codeinhaltige Hustensäfte in ihrem Angebot. (Bild: Donato Caspari)

Apothekerin Ursula Hörmann hat verschiedene codeinhaltige Hustensäfte in ihrem Angebot. (Bild: Donato Caspari)

Vom Heiltrank zum High-Trank: «Bevor ich Heroin genommen habe, habe ich auch sehr oft Resyl Plus getrunken», schreibt ein Nutzer auf der Plattform Schweizer Drogenforum über einen codeinhaltigen Hustensirup. «Wie viele Tropfen nehmt ihr so für nen schönen Abend?», will dort jemand wissen. Die Antwort kommt postwendend: «Für einen guten Flash reicht ein Fläschchen auf ex.»

Diese online-Konversation beschreibt ein höchst aktuelles Thema. Dies bestätigen Auskünfte Thurgauer Apotheken. Nach wie vor missbrauchen Jugendliche codeinhaltigen Hustensirup als Rauschmittel. Mehrere Thurgauer Apotheken haben in den letzten Monaten eine erhöhte Nachfrage festgestellt. «Es sind viele Jugendliche vorbeigekommen und haben Hustensirup verlangt», sagt Susanna Hug, Apothekerin im Amriville und in der Central Apotheke in Amriswil. Das hustenreizstillende Arzneimittel ist in der Schweiz auf der Abgabekategorie C – das bedeutet, dass es in Apotheken erhältlich und nicht rezeptpflichtig ist. Seit etwa drei Monaten gibt Hug den codeinhaltigen Hustensirup jedoch nur noch auf Rezept heraus.

Teenager sind sich der Gefahr nicht bewusst

Die Hörmann Apotheke in Weinfelden handhabt das Problem auf die gleiche Weise. «Seither ist die Anzahl der Jugendlichen, die hausieren kommen, stark gesunken», sagt Inhaberin Ursula Hörmann. «Das spricht sich schnell herum unter den Jungen.» Wenn doch wieder einmal jemand komme, um Hustensirup zu kaufen, sehe man diesem schnell an, aus welchen Absichten er handle, so Hörmann. «Das Spezielle ist, dass sie alle meist den selben Spruch bringen: Sie brauchen Hustensaft für die Mutter.» Susanna Hug bespricht die Thematik immer wieder mit ihren Mitarbeitern, damit sie bei Verdacht auf Medikamentenmissbrauch richtig reagieren. «Wir beraten die Jugendlichen wie alle anderen auch und bieten ihnen Alternativen an.» In der Regel lehnen sie diese ab und verlassen die Apotheke. Hug glaubt, dass sich die Teenager der Gefahren der Überdosierung nicht bewusst sind. Der Konsum kann über längere Zeit zu einer Abhängigkeit führen und der Entzug sei laut saferparty.ch ähnlich schmerzhaft und langwierig wie bei Heroin.

Dass die Apotheken zurzeit eigenverantwortlich Massnahmen treffen müssen, um den Missbrauch zu stoppen, findet Hörmann in Ordnung: «Es wäre mit grossen Kosten verbunden, codeinhaltigen Hustensirup rezeptpflichtig zu machen», sagt sie. Danièle Bersier, Mediensprecherin der Swissmedic, sagt: «Bei einer Verschärfung der Missbrauchsproblematik werden wir weitergehende Massnahmen ergreifen.»

Die Abgabe des Medikaments an Kinder ist in der Schweiz nicht einheitlich festgehalten. Christoph Stüssi, Chefarzt der Kinderklinik in Münsterlingen, sagt, es könne Kindern verabreicht werden. Eine genaue Altersangabe, ab wann Hustensirup gegeben werden darf, will er nicht machen. «Es gibt unterschiedliche Empfehlungen. Es gilt: Wenn man sich an die Richtlinien hält, schadet es nicht.» Die Fachinformationen des Arzneimittel-Kompendiums Schweiz fallen je nach Produkt unterschiedlich aus. Zum codeinhaltigen Hustensirup Benylin steht ausdrücklich: «Benylin mit Codein N ist für Kinder und Jugendliche nicht geeignet.» Beim Hustensirup Resyl Plus gibt es keine Altersangaben. Es ist jedoch vermerkt, dass eine akute Überdosierung tödlich verlaufen kann. Bei beiden Produkten wird vor einer Überschreitung der empfohlenen Dosierung gewarnt, hauptsächlich wegen des Inhaltsstoffs Codein. Symptome wie Erbrechen, Kopfschmerzen, Krämpfe und im schlimmsten Fall Atemlähmung werden genannt.

Chris Nussbaum, Suchtberater bei der Perspektive Thurgau, weist auf die Gefahr eines Konsums mehrerer Substanzen hin. «Das Risiko einer Überdosierung – die im schlimmsten Fall zum Erstickungstod wegen Atemlähmung führt – ist bei Opiaten wie Codein in Kombination mit Alkohol besonders hoch.»

Nussbaum denkt, dass Jugendliche den Hustensirup vor allem als Partydroge nutzen. Sobald der anfänglich unregelmässige Konsum aber auch im Alltag Einzug hält, sei die Gefahr einer Abhängigkeit sehr hoch, so der Suchtberater. Wird der Hustensaft vorschriftsgemäss angewendet, sei er aber bedenkenlos zu verwenden. Bei länger anhaltendem Husten wird in der Fachinformation geraten, den Arzt aufzusuchen.

Nicht nur Fachpersonen warnen vor Abhängigkeitsgefahr. Der anfangs zitierte Nutzer des Schweizer Drogenforums rät: «Aber passt auf mit Resyl Plus, es macht sehr süchtig.»

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