«Meine Hüte sind schön, wild und verrückt»

Mini Büez

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Ich will Frauen und Männer glücklich machen, indem ich für sie hochwertige Lederschuhe einkaufe und ihnen schöne, wilde und verrückte Hüte anbiete. Aufgrund meiner Leidenschaft zu Hüten habe ich Modistin gelernt. Um einen Hut von Hand anzufertigen, brauche ich einen Rohling aus Filz oder Stroh, der sieht dann aus wie eine Tüte. Damit ich den Rohling, beispielsweise aus Filz, bearbeiten kann, behandle ich ihn mit Feuchtigkeit und Hitze – nur so wird er beweglich. In einem ersten Schritt mache ich den Rohling dann etwas grösser, das nennt sich Vorziehen. Das braucht viel Fingerspitzengefühl, damit keine Löcher entstehen. Dafür kommt der feuchte Filz über einen heissen Apparat. Erst danach kommt die eigentliche Hutform ins Spiel. Für jeden Hut gibt es eine Holzform. Damit der Filz über diese Form gezogen werden kann, habe ich ein Dampfgerät, mit dem ich ihn ständig bearbeite. Ich muss den Filz sehr gleichmässig und exakt über die hölzerne Hut-Form ziehen.

Ebenfalls wird beim Aufziehen des Kopfteils die Grösse bestimmt. Um dies zu verändern, wird ein handgestricktes Käppli, ein sogenannter Strumpf, über den Holzkopf gezogen. Das muss ganz exakt gestrickt werden, sonst gibt es Unebenheiten. Ganz wichtig ist, dass ich den Filz an der Form alle drei bis fünf Millimeter mit einem kleinen Nagel festmache, damit er sich nicht verzieht. Zwischendrin muss ich auch immer wieder mit heissen Tüchern den Hut glatt streichen. Das braucht Kraft, es ist eine strenge Arbeit. Aber es ist sehr wichtig, denn überall, wo es nicht flach ist, gibt es Rümpfe oder Dellen. Jede Unebenheit ist am Endprodukt sichtbar.

Schliesslich lasse ich den Hut auf der Form etwa zwei Tage trocknen. Danach nehme ich ihn von der Form, schneide alle Kanten sauber ab und nähe den Rand an das Kopfteil. Der nächste Schritt ist in jedem Sinne Millimeterarbeit und sehr wichtig: Das Einnähen des Entrebands. Damit passt der Hut genau auf den Kopf des Kunden und hält ihn auch bei Nässe in Form. Ab jetzt muss ich den Hut auch nicht mehr wie ein rohes Ei behandeln. Nun kann ich meine Fantasie walten lassen, um den Hut mit Verzierungen aller Art zu verschönen. Es ist fast alles erlaubt. Einer der verrücktesten Hüte war eine 70 Zentimeter hohe Melone aus schwarzem Samt, die mit goldenen Stickereien verziert war. Ein Mann hat ihn zu seinem Hochzeitsgewand gekauft.

Wer neugierig ist, darf jederzeit in meinem Laden vorbeischauen. Ich zeige gerne, mit welchen Apparaten und Materialien ich Hüte herstelle. Ich bin gelernte Schuhverkäuferin, hatte aber hobbymässig einen Kostümverleih, für den ich selbst die Kostüme nähte. Natürlich wollte ich auch Hüte zu den Kostümen anbieten, habe es aber nie geschafft, einen gut sitzenden Hut selbst zu machen. Deshalb ging ich vor rund 30 Jahren zu einer Modistin nach Schaffhausen in die Lehre. Zunächst in meiner Freizeit etwa dreimal die Woche während zweieinhalb Jahren. Schliesslich habe ich noch rund ein halbes Jahr täglich bei ihr gearbeitet. Ich musste beispielsweise 70 gleiche «Dächlikappen» anfertigen. Das war Knochenarbeit – aber es war toll. Ich habe es nie bereut, diesen Beruf erlernt zu haben, und es macht mir heute noch Spass, mit meinen Kunden den passenden Hut zu gestalten.

Notiert: Sabrina Bächi