«Mein Freund, der Baum, ist tot»

Sie ist schön, in Würde gealtert, rund 25 Meter hoch. Wenn die Sommersonne auf die Köpfe knallt, spenden ihre Blätter Schutz. Die Pappel in der Badi stand schon hier, als es die Badi noch gar nicht gab. Jetzt soll sie sterben. So will es die Stadt.

Katharina Brenner
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Bald wird die Pappel in der Badi Frauenfeld gefällt. (Bild: Andrea Stalder)

Bald wird die Pappel in der Badi Frauenfeld gefällt. (Bild: Andrea Stalder)

Sie ist schön, in Würde gealtert, rund 25 Meter hoch. Wenn die Sommersonne auf die Köpfe knallt, spenden ihre Blätter Schutz. Die Pappel in der Badi stand schon hier, als es die Badi noch gar nicht gab. Jetzt soll sie sterben. So will es die Stadt. Das teilt sie in einer Meldung vom Donnerstag mit. Ist die Pappel krank? Ist sie die viele, schlaffe, nackte Menschenhaut leid?

Nein, die Pappel ist alt, nach Angaben der Stadt zwischen 80 und 100 Jahre, und brüchig. Sie wird gefällt, weil die Sicherheit im Bereich des Baumes nicht mehr gewährleistet sei, sagt der Amtsleiter Freizeitanlagen und Sport, Fabrizio Hugentobler.

Zweimal hätte man gerade noch Glück gehabt. Bei einem aufziehenden Gewitter sei ein Ast mit einem Durchmesser von 30 Zentimetern auf die Wiese gekracht, kurz nachdem eine Gruppe von Gästen von den Bademeistern weggeschickt worden war. So steht es in der Mitteilung der Stadt. Obwohl man genau das nicht tun sollte, würden viele bei heftigen Stürmen oder aufziehenden Gewittern Schutz unter einem Baum suchen, sagt Hugentobler. Den Gästen in dieser Situation zu erklären, dass sie in Gefahr seien, sei mühsam und eben auch gefährlich. Trotz intensiver Pflege durch Baumspezialisten sei das Risiko zu gross. «Auch wenn es ein unbeliebter Entscheid ist, aber Sicherheit geht vor, und wir stehen in der Verantwortung», sagt Hugentobler. Wer fällt schon gern einen Baum?

Kritik aus dem Gemeinderat

Gemeinderat Benjamin Stricker (CH) jedenfalls nicht. Er hat Hugentobler und Medienvertretern am Donnerstagabend ein E-Mail geschrieben, in denen er Stellung nimmt zu den «very sad news». Während in der Mitteilung der Stadt von «einem heiklen Ereignis» die Rede sei, blieben «tausend andere, schöne Tage» unerwähnt.

Er vermisse in der Mitteilung die Information, wo man grössere Schattenflächen finde, wenn die Pappel, «die Seele des Freibads», verschwunden ist. Denn Hitzschläge seien eine Gefahr. Und die Stadt wäge nicht richtig ab, sagt er auf Nachfrage. Bei starkem Wind solle man sich einfach nicht in der Nähe von Bäumen aufhalten. Das Leben sei nun mal gefährlich.

«Nein, es gibt nicht weniger Schatten, wenn die Pappel gefällt ist», sagt Amtsleiter Hugentobler. Sie stünde so, dass ihr Schatten hauptsächlich in das Becken falle. Es gebe zudem 42 andere Bäume auf der Liegewiese und viele um die Badi herum, die Schatten spendeten. Vor einem Jahr ist neben der Pappel bereits ein Ersatz gepflanzt worden, eine Gleditsia – zudem werden noch drei frische Platanen gepflanzt.

An anderen Orten in Frauenfeld fördert die Stadt indes die Pflanzung von Pappeln. In der Schaffhauserstrasse gibt es eine ganze Allee. Die Stadt wünsche sich, dass die Privateigentümer dort vermehrt Pappeln pflanzten, sagt Stadtgärtner Andreas Weber.

Bei der Pappel in der Badi drängt sich die Frage auf: Was passiert mit dem gefällten Holz? Die Stadt dürfte sich auf Anfragen von Künstlern einstellen und von nationalen und internationalen Kunsthochschulen. Schliesslich ist kein geringeres Gemälde auf Pappelholz gemalt als die Mona Lisa. Ein weltberühmtes Stück Pappelholz also, das es in den Louvre und hinter Panzerglas geschafft hat. Das Material sorgt inzwischen zwar für konservatorische Probleme, aber Schönheit hat nun mal ihren Preis.

Holz für die Feuerstelle

Soviel steht fest: Ein Teil des Holzes bleibt den Badibesuchern erhalten. «Wir werden es für die Feuerstelle in der Badi verwenden», sagt Amtsleiter Hugentobler. Die Gäste können die Holzstücke bei den Bademeistern kostenlos beziehen und an der Feuerstelle zum Anfeuern verwenden. Wer noch im vergangenen Sommer im Schatten der Pappel döste, könnte im kommenden seine Würstli über der Glut ihres Holzes grillieren.

Wahrscheinlicher als eine Frauenfelder Mona Lisa ist, dass das restliche Holz verheizt wird. Laut Hugentobler wird der Teil, der für die Feuerstelle in der Badi nicht verwendet werden kann, für Holzschnitzelanlagen gehäckselt.

Wann die Pappel sterben muss, steht noch nicht fest. Grundsätzlich fälle man Bäume im Winter, sagt Hugentobler, wenn der Boden kalt und gefroren ist. Damit die Maschinen möglichst wenig Spuren im Boden hinterlassen. Die Stadt warte noch auf etwas kältere Tage.

Wenn es so weit ist, werden sich vielleicht manche an ein Lied der Sängerin Alexandra aus den 60ern erinnern: «Mein Freund, der Baum, ist tot. Er fiel im frühen Morgenrot.»

Gemeinderat Stricker sagt, er denke nicht, dass die Stadt ihre Meinung ändern werde. Vielleicht gäbe es bei mehreren Bäumen einen gewissen Widerstand aus der Bevölkerung. Bei einem einzigen bezweifle er das.

Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders. Wie heisst es noch in Alexandras Lied? «Vielleicht wird es ein Wunder geben, und er erwacht zu neuem Leben». Manchmal kommt es in diesem gefährlichen Leben anders als erwartet.

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