«Mein Arbeitstag lässt sich nicht planen»

Die Zahl der Grosstierärzte geht im Kanton Thurgau zurück. Felix Goldinger ist Mitinhaber der Gemeinschaftspraxis «Tezet» in Müllheim. Er sagt, das Interesse an der Arbeit mit Grosstieren sei gering. Immer weniger wollten den Beruf lernen.

Tanja von Arx
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Felix Goldinger versorgt ein 14jähriges Pferd in Müllheim. (Bild: Nana do Carmo)

Felix Goldinger versorgt ein 14jähriges Pferd in Müllheim. (Bild: Nana do Carmo)

Herr Goldinger, im Thurgau gibt es immer weniger Grosstierärzte. Können diese die Tiere versorgen?

Felix Goldinger: Zurzeit ist die ärztliche Versorgung im Kanton gegeben. Das ist in naher Zukunft aber nicht gesichert.

Warum ist dem so?

Goldinger: Bei der Arbeit ist man oft in den Ställen draussen, es ist dreckig und es riecht schlecht – das ist nicht immer angenehm. Auch die Landwirtschaft geht zurück, sie ist der Bevölkerung nicht mehr so präsent wie früher. Und der Beruf an sich ist streng.

Wie sieht denn ein normaler Arbeitstag aus?

Goldinger: Mein Arbeitstag lässt sich nicht planen. Die Agenda kann leer bleiben wie letzten Samstag. Oder es reiht sich ein Notfall an den anderen und ich bin den ganzen Tag unterwegs – ich besuche zuerst die Notfälle, dann weniger akut erkrankte Tiere, und das auf dem kürzesten Weg.

Empfinden Sie das als Belastung?

Goldinger: Nein. Ich finde die Tätigkeit aufregend und abwechslungsreich – ich bin flexibel und lasse mich überraschen.

Ist die Arbeit eines Kleintierarztes einfacher?

Goldinger: Nur in der Hinsicht, dass er in einer Praxis arbeitet. Grosso modo macht er dasselbe wie ich.

Worin unterscheidet sich Ihr Job sonst noch?

Goldinger: Ich kümmere mich um die Nutztiere: Um Kühe, Schweine, Pferde, Schafe, Ziegen und zum Teil um Hühner. Dabei konzentriere ich mich auf den Ertrag. Rentiert es, einer Kuh den Magen zu operieren, wenn sie keine gute Milch mehr abliefert?

Geht die Rechnung nach Gewinn immer auf?

Goldinger: Manchmal ist es nicht einfach, zwischen dem Wohl des Tieres und der Zufriedenheit des Kunden zu unterscheiden. Ich werde ab und an angegangen, ein Tier zu heilen, ohne dass es sinnvoll wäre – zum Beispiel bei einem Tumor.

Was machen Sie dann?

Goldinger: Ich entscheide zum Wohl des Tieres. Es ist aber wirklich kein Leichtes (wird leiser). Die Besitzer hängen an ihren Tieren und würden alles tun, um ihnen zu helfen. – Ab und zu kann ich einem Bauern auch helfen, indem ich einen negativen Bericht ausstelle. Denn der bringt Klarheit.

Wie kamen Sie zu diesem Beruf?

Goldinger: Mein Vater und mein Grossvater waren auch Grosstierärzte – so kam ich schon als Kind mit den Tieren in Kontakt. Ich spürte, dass es mir ein gutes Gefühl gibt, den Tieren zu helfen. Auch die Kunden zufriedenzustellen hat mich ausgefüllt.

Können Sie sich vorstellen, den Beruf an Ihre Kinder weiterzugeben?

Goldinger: Meine Kinder sollen selber entscheiden können. Es sieht aber nicht so aus, also ob sie diesen Weg einschlagen – meine Tochter will Automechanikerin werden (lacht).

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