Mehr Theater für Steckborn

In den letzten Tagen ist meine gute Frau Turmspatz so richtig kribbelig. Sie räumt die Möbel beiseite, zieht schwarze Leggins und ein ebensolches Top an, legt eine Klassik-CD auf und beginnt, sich in unserem Wohnzimmer zu drehen.

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In den letzten Tagen ist meine gute Frau Turmspatz so richtig kribbelig. Sie räumt die Möbel beiseite, zieht schwarze Leggins und ein ebensolches Top an, legt eine Klassik-CD auf und beginnt, sich in unserem Wohnzimmer zu drehen. «Was machst du da?», frage ich etwas entnervt, als sie beim Vorbeirauschen fast meine halbvolle Kaffeetasse vom Tisch wischt. «Das ist die Oper<Carmen>, Lebensfreude pur, mein Lieber. Ich habe einfach Lust zu tanzen.» Tanz ist nicht so mein Ding. Ausserdem halte ich nicht viel von den Figuren auf spitzen Füssen, die junge Dame im Ballettunterricht lernen. So versuche ich, mich wieder auf meine Zeitung zu konzentrieren. Doch bereits bei der nächsten Pirouette ist es aus mit der Ruhe. Meine Herzdame rauscht so nah an mir vorbei, dass die Seiten fliegen.

«Was soll das?» Wütend stelle ich den CD-Player ab. «Spielverderber, ich kann es einfach nicht erwarten, bis die nächsten Produktionen von <Tanz Now> im Phoenix-Theater gezeigt werden.» «Immer diese Tanzerei», gebe ich etwas zu laut zurück, «wir haben schon genug Gehupfe.» «Du bist ein brummiger Bewegungslegastheniker. Regst dich auf, weil du selber nicht tanzen kannst.»

Mein Frau lacht. «Ach was, ich hätte einfach lieber mehr Theater.» «Bis jetzt hat es dich noch nie gestört, dass bei uns so viel Tanz zu sehen war. Was hat sich denn geändert?» «Viel. Früher hatten wir das Theater direkt vor unserer Nase im Städtchen. Seit sich im Turmhof Stiftung und Heimatvereinigung in den Armen liegen wie Siamesische Zwillinge beim Ballett, haben wir da Tanz genug. Was mir fehlt, ist ordentlich Theater.»