Mehr Sonderschüler integriert

Die Zahl von in Regelklassen integrierten Sonderschülern nimmt im Thurgau zu. Dabei ist integrierte Sonderschulung nicht weniger teuer als separative Schulung in Heimen, kann aber für das Kind und sein Umfeld vorteilhafter sein.

Mathias Frei
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Integrierten Sonderschülern sieht man in Regelklassen ihren erhöhten Bedarf nach Förderung nicht immer an. (Bild: ky/Dominic Favre)

Integrierten Sonderschülern sieht man in Regelklassen ihren erhöhten Bedarf nach Förderung nicht immer an. (Bild: ky/Dominic Favre)

FRAUENFELD. Der fröhliche Junge, der da im Kindergarten spielt, heisst zum Beispiel Luca. Er ist eines von aktuell 104 Kindern in 48 Thurgauer Schulgemeinden, die in Regelklassen integrativ beschult werden. Das heisst: Wenn es die integrierte Sonderschulung nicht gäbe, müsste Luca den Kindergarten in einer Sonderschule besuchen. Die Zahl der Kinder, welche Sonderschulen besuchen, bleibt seit Jahren konstant. Im Schuljahr 2012/13 besuchen 615 Kinder die zehn Thurgauer Sonderschulen – neun mit privater Trägerschaft, aber im Leistungsauftrag des Kantons – und 72 ausserkantonale Schulen.

Die Zahlen in der integrativen Sonderschulung (IS) steigen dagegen. Heute gibt es 136 Prozent mehr integrative Sonderschüler als im Schuljahr 2008/09 (44). «Im Zentrum steht immer das Kind mit seinen Bedürfnissen», sagt Sandra Bachmann, Leiterin der Abteilung Schulevaluation und Schulentwicklung im Amt für Volksschule. Gleichwohl werde man diese wohl gesellschaftlich begründete Entwicklung im Auge behalten, auch wegen der Kosten.

In die Schule, wo man wohnt

Luca besucht den Kindergarten im zweiten Jahr. Schon im ersten Jahr fiel auf, dass er Schwierigkeiten hatte, die Anweisungen der Kindergärtnerin zu verstehen. Die Abklärung beim Kinderarzt ergab einen allgemeinen Entwicklungsrückstand. Seither erhält er daheim einmal wöchentlich Besuch von der heilpädagogischen Früherziehung.

Mit Blick auf die Einschulung stellt sich die Frage nach weiteren Massnahmen. Eine Überprüfung ergab, dass Luca sonderschulbedürftig ist. Seine Eltern wünschen sich, dass Luca mit seinen Freunden zusammen die erste Klasse besuchen kann. Die Schulgemeinde ist mit der integrativen Sonderschulung einverstanden. Nun wird für Luca ein Förderplan erarbeitet. Im regulären Klassenverband erhält er zusätzliche Unterstützung durch eine schulische Heilpädagogin.

Thurgau geht Mittelweg

Die Anfänge der integrativen Sonderschulung im Thurgau liegen mittlerweile rund 15 Jahre zurück. Einzelne Schulgemeinden suchten, meist auf Wunsch der Eltern, nach Lösungen, damit ihre Kinder nicht in separative Sonderschulen kamen. Aufgrund des Neuen Finanzausgleichs beteiligte sich der Bund seit 2008 nicht mehr an den Kosten für sonderschulpflichtige Kinder. Im Thurgau wurden 2010 die Gesetzesgrundlagen für die Schulung von Kindern mit besonderem Förderbedarf erneuert.

Der Kanton Thurgau geht seither den pragmatischen Weg. Das heisst: Jede Schulgemeinde entscheidet aufgrund ihrer Ressourcen selber, ob sie IS anbieten kann und will. Dies gehe mit dem Autonomiegedanken einher, der in der Thurgauer Volksschule hochgehalten werde, erklärt Bachmann.

Integriert kostet's nicht weniger

«Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, der Förderplan also mit den möglichen Personalressourcen aufgeht, stellt IS für alle Beteiligten einen Mehrwert dar», sagt Bachmann. Für das zu integrierende Kind, die Mitschüler, die Eltern und auch für die Lehrpersonen. Im Thurgau gebe es aber keine strategische Absichtserklärung, nur noch auf IS zu setzen. Was den Gestaltungsspielraum der Schulgemeinden einschränken würde. Nur noch den integrativen Weg geht zum Beispiel der Kanton Zürich, wo hinter IS anfangs Sparpotenzial vermutet wurde. «Aber dem ist nicht so, IS ist keine Light-Version», stellt Bachmann fest. Die Kosten von integrativer und separativer Sonderschulung seien in etwa gleich.