Mehr Polizei statt Armenspeisung

Der Kanton Thurgau hatte in der Bewältigung der Hungerkrise versagt. Er stockte zunächst die Polizei auf, um Bettler zu bekämpfen.

Karin Peter
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Wie verletzlich eine Region oder eine Gesellschaft im Fall einer Katastrophe ist, zeigt das Konzept der Vulnerabilität auf. Es ergibt ein umfassenderes Bild des Entstehens, der Auswirkungen und der Bewältigungsstrategien. Anhand einer Art Bestandesaufnahme der gesellschaftlichen Strukturen, des politischen und wirtschaftlichen Systems, der Landwirtschaft, der Bevölkerungsentwicklung und des Klimas lässt sich damit nachvollziehen, wie sich die Hungerkrise der Jahre 1816 und 1817 entwickelte und welche Auswirkungen sie zeitigte. So können die langfristigen Prozesse, die auslösenden Ereignisse, die kurzfristigen Massnahmen und die Folgen für die einzelnen, die Haushalte und die Region nachgezeichnet werden.

Potenzial für Landwirtschaft

Ausgehend von den langfristigen Prozessen wie Klimawandel, Umwelteinflüsse, naturräumliche Voraussetzungen, agrarische Strukturen, Bevölkerungsentwicklung, gesellschaftliche Strukturen, technologische Entwicklung ergibt sich, dass der Kanton Thurgau im Jahr 1815 weitgehend über klimatische Bedingungen und eine Bodenbeschaffenheit verfügte, die dem Anbau von Nahrungsmitteln zuträglich waren. Es wurden Getreide, Gemüse, Obst und Wein angebaut. Zudem wurde wenig Fischerei, wenig Viehmast und wenig Milchwirtschaft betrieben.

Handel und Industrie fehlten

Allerdings fehlten städtische Ballungszentren mit umfangreicheren Handelsaktivitäten, eine Industrie war erst im Aufbau, und ein erheblicher Teil des Kapitals floss in die Nachbarkantone und Nachbarländer ab.

Der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien markierte das auslösende Ereignis der Hungerkrise in Mitteleuropa. In der Folge der Naturkatastrophe kam es zu Missernten und folglich einem Rückgang des Nahrungsangebots. Eine solche Entwicklung müsste kurzfristige Massnahmen auslösen, insbesondere eine effiziente Teuerungsbekämpfung, eine angepasste Kreditvergabepolitik, das Bereitstellen von Notnahrung, private und staatliche Hilfsmassnahmen.

Keine Überbrückungshilfen

An diesem Punkt hat der Kanton Thurgau versagt. Anstelle von krisenüberbrückenden Massnahmen und Pufferstrategien gegen die Teuerung wie Kauf und Lagerung von Brotgetreide und Saatgut steckte der Kanton einen erheblichen Teil des Budgets in den Ausbau der Polizei. Dies vorab, um die Einhaltung des Bettelverbots durchzusetzen. Direkte Hilfsmassnahmen, wie das Austeilen einer Armensuppe, wurden erst sehr spät, Ende 2016, angeordnet und einem komplizierten Verfahren unterstellt.

Hingegen zeigte sich die Regierung nach der Hungerkrise lernfähig und ordnete über die folgenden Jahre Massnahmen zur langfristigen Vermeidung von Hungerkrisen an.