Mehr Misshandlungen im Thurgau

MÜNSTERLINGEN. Kinderärzte schlagen Alarm: Die Missbrauchs- und Misshandlungsfälle sind hoch und immer öfters sind es Babies, die davon betroffen sind. Das stellt auch der Thurgauer Chefarzt Christoph Stüssi von der Kinderschutzgruppe fest. Er sagt: «Die Menschen müssen mehr hinschauen.»

Marc Engelhard
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Wegschauen ist gefährlich, denn oft werden Täter bei Kindesmisshandlungen immer gewalttätiger, wenn niemand eingreift. (Bild: fotolia)

Wegschauen ist gefährlich, denn oft werden Täter bei Kindesmisshandlungen immer gewalttätiger, wenn niemand eingreift. (Bild: fotolia)

Das kleine Kind zuckt und krampft. Es ist spätabends, als die Eltern mit ihm im Kantonsspital Münsterlingen eintreffen. Der Arzt vermutet zuerst einen epileptischen Anfall, stellt dann aber fest, dass das Kind nichts sieht. Es atmet unregelmässig. Das Baby hat eine Hirnblutung und muss auf die Intensivstation. Die Eltern hatten das Neugeborene geschüttelt. Es wird sein Leben lang behindert sein.

Das Kind hatte viel geschrien und die Eltern verzweifelten. «Das passiert sehr oft», sagt Christoph Stüssi, der die Klinik für Kinder und Jugendliche in Münsterlingen und die Kinderschutzgruppe leitet. «Dass daraus wie hier ein schwerer Fall von Kindesmisshandlung wird, ist nicht die Regel.» Schweizer Kinderärzte schlagen jedoch Alarm: Die Anzahl von Kinderschutzfällen bleibe unverändert hoch und Babies seien immer stärker betroffen. Das sei auch im Thurgau so, sagt Stüssi, dessen Zahlen Teil der gesamtschweizerischen Statistik sind.

Die schweren Fälle von Kindesmissbrauch bleiben gleich hoch, die weniger schweren Fälle nehmen zu. Dazu gehören Knochenbrüche oder Platzwunden, etwa nachdem ein Vater den Sohn mit dem Schlüsselbund verprügelt hat. Stüssi erklärt sich den Anstieg nicht damit, dass die Thurgauer gewalttätiger werden. Sondern Fachpersonen wie Lehrer und Sozialarbeiter geben vermehrt Acht und melden mehr Fälle.

Es braucht Radar

Stüssi fordert: «Die Menschen müssen mehr hinschauen.» Wenn Leute wissen, dass sie beobachtet werden, verhalten sie sich anders – so wie beim Schild «Vorsicht, Radar». Von diesem an hielten sich Autofahrer auch eher an Tempolimiten. Anders sei es, wenn das Umfeld Misshandlungen ignoriere. Dann würden Täter oft immer gewalttätiger.

Die Kinderschutzgruppe nimmt nur Meldungen von Fachpersonen direkt entgegen. Christoph Stüssi betont aber, dass sich Eltern jederzeit in der Kinderklinik des Spitals melden können, wenn sie mit ihrem Kind nicht mehr klarkommen. «Wir helfen den Kindern und ihren Eltern in jeder Situation.» Nachbarn, Verwandte oder Bekannte können sich an die Schule, Gemeinde, Polizei, Hausärzte oder die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) wenden. «Wenn man nichts macht, kann das bei einer weiteren Misshandlung zum Tod führen», sagt Stüssi. Er erlebt auch, dass frühere Opfer sich Jahre später selber verletzen oder umbringen, wenn sie allein gelassen werden. Was ihm auch auffällt: Oft werden ehemalige Opfer von Kindesmissbrauch später selber zu Tätern. «Diese Kette muss man unterbrechen.»

Bestrafung nützt Kindern wenig

In der Kinderschutzgruppe kann Christoph Stüssi mit seinem Team verschiedene Massnahmen ergreifen. Zuerst einmal würden sie sicherstellen, dass das Opfer geschützt sei. Dann betreuen sie das Kind psychologisch, denn oft sei es traumatisiert. Hier komme auch die Opferhilfe zum Einsatz. Die Kinderschutzgruppe wendet sich aber auch an die Eltern und versuche, mit Therapien und Beratungen die Familie wieder aufzubauen. Ziel sei es, dass das Kind wieder sicher in der Familie leben könne. Auch mit der KESB arbeitet die Kinderschutzgruppe eng zusammen. Diese kann vormundschaftliche Massnahmen ergreifen. Strafanzeigen gibt es seltener, «weil eine Täterbestrafung den Kindern meist wenig nützt».

«Die Täter handeln aus Verzweiflung, nicht aus Bosheit», sagt Stüssi. Sie stammen meist aus dem näheren Umfeld des Kindes, in der Regel sind es Familienmitglieder. Dabei sticht keine Altersgruppe und kein Geschlecht hervor – ausser bei sexuellen Missbrauchsfällen. Hier sind es häufiger Männer, die sich vergehen.

«Es lässt einen nie kalt»

Seine Erfahrungen gehen ihm nahe, sagt Christoph Stüssi. Seit 24 Jahren ist er Kinderarzt, für einen kurzen Moment ringt er nach den richtigen Worten. «Der Job geht sehr an die Substanz.» Das sei auch bei seinen Angestellten so. Die Klinikmitarbeiter sprechen miteinander über das, was sie erleben. Sie können auch auf professionelle Hilfe zurückgreifen. «Gewöhnen kann man sich nicht daran», sagt Stüssi. «Es lässt einen nie kalt.»