Mehr Kranke ambulant betreuen

MÜNSTERLINGEN. Die Psychiatrischen Dienste Thurgau verwirklichen drei Modellprojekte. Mehr Ressourcen fliessen in ambulante Angebote. Dafür werden Betten abgebaut. In den Projekten arbeiten Ärzte, Pflegefachleute und Sozialarbeiter zusammen.

Martin Knoepfel
Drucken
Teilen
Gespräche und Abklärungen sind im Abklärungs- und Aufnahmezentrum in Münsterlingen möglich (gestelltes Bild). (Bild: Reto Martin)

Gespräche und Abklärungen sind im Abklärungs- und Aufnahmezentrum in Münsterlingen möglich (gestelltes Bild). (Bild: Reto Martin)

Münsterlingen. Die Psychiatrischen Dienste Thurgau erweitern ihr Angebot. Das Abklärungs- und Aufnahmezentrum (AAZ) sowie das Intensive Case Management laufen schon. Ab September folgt die Poststationäre Übergangsbehandlung.

Die Idee hinter dem AAZ erläutern Pflegedirektorin Regula Lüthi und der Psychiater Marko Hurst, Leiter des AAZ. Dieses soll psychisch kranken Erwachsenen eine massgeschneiderte Behandlung anbieten – nicht unbedingt stationär, sondern auch ambulant. Das ist billiger, und der Patient bleibt in seinem sozialen Umfeld.

Frühere Schule als Domizil

Das AAZ kann Kontakte etwa zur Spitex oder zu Selbsthilfegruppen vermitteln. Hurst betont, dass es im Thurgau viele Angebote für psychisch Kranke gebe, dass die Koordination aber nicht immer klappe. Zudem müssten bisher Betroffene oft rasch für oder gegen den Klinikeintritt entscheiden – oder man entschied über ihren Kopf. Das sei hier anders.

Angesiedelt ist das AAZ in der früheren Schule für Krankenpflege in Münsterlingen. So konnte der Kanton bestehende Räume sanft renovieren statt neu zu bauen. Das AAZ liegt am Westrand des Areals der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Wer ins AAZ geht, ist also nicht ganz in der Klinik.

Tiefere Schwelle

Das AAZ ist von 8 bis 20 Uhr offen (Telefon 0848 41 41 41). Pflegefachleute nehmen die Triage der Anrufer vor. Davon verspricht sich die Pflegefachfrau Waltraud Faschion, dass Betroffene sich eher melden, als wenn sie mit ihrem Anruf direkt beim Aufnahmearzt der Psychiatrischen Klinik landen.

Nicht nur Patienten, sondern auch Angehörige oder Hausärzte können beim AAZ anrufen. Manchmal ist ein Patient jahrelang krank, bis er oder jemand anders sich an die Klinik wendet. Oft leiden die Angehörigen mit. Im AAZ sind Räume für Gespräche vorhanden. Zudem sind Abklärungen und Tests möglich.

Gemeinden entlasten

Das Intensive Case Management (ICM) ist für die 60 bis 70 Personen im Kanton, die lange, mehrfach und oft wider Willen in der Psychiatrischen Klinik sind. Das ICM-Team will solche Patienten zu Hause betreuen, damit sie nicht verwahrlosen. Bedingung dafür ist, ihr Vertrauen zu gewinnen. Das kann Jahre dauern.

Wenn das ICM funktioniert wie geplant, entlastet es Vormundschaftsbehörden und Gemeinden. Gemäss Klinikmanager Ralf-Peter Gebhardt gab es eine Knacknuss. Die Krankenkassen zahlen zwar Behandlungen beim Patienten zu Hause, nicht aber den Weg. Hier springt der Kanton ein. Für den Thurgau ist das ICM eine Pionierleistung. ICM und Poststationäre Übergangsbehandlung (PSÜB) sollen verhindern, dass Patienten kurz nach dem Austritt aus dem Spital erneut dort landen.

Bekannt aus Alterspsychiatrie

In der PSÜB treffen erfahrene Pflegefachfrauen die Patienten, noch während diese im Spital sind. Sie suchen sie später auch zu Hause auf. Die PSÜB dauert maximal drei Monate nach dem Austritt aus dem Spital. Oft unterschätzten die Angehörigen, was es bedeute, wenn ein psychisch Kranker nach Hause komme, sagte Lüthi. Ähnliche Konzepte gebe es in der Alterspsychiatrie.

Aktuelle Nachrichten