Medizin studieren in St. Gallen

Die St. Galler Regierung will wegen des Ärztemangels einen eigenen Medizin-Studiengang im Kanton einführen.

Adrian Vögele
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Der Konstanzer Landrat Frank Hämmerle und Thurgaus Regierungsrat Claudius Graf-Schelling trafen sich zum Abschluss einer Stabsübung. (Bild: Nana do Carmo)

Der Konstanzer Landrat Frank Hämmerle und Thurgaus Regierungsrat Claudius Graf-Schelling trafen sich zum Abschluss einer Stabsübung. (Bild: Nana do Carmo)

ST. GALLEN. Der Mangel an Ärzten bereitet der St. Galler Regierung Sorgen. «Es ist dringend notwendig, etwas dagegen zu unternehmen», sagte Gesundheitschefin Heidi Hanselmann gestern vor den Medien. Schweizweit werden gemäss Bund jährlich 1200 bis 1300 neue Ärzte benötigt. Die Zahl der frisch Ausgebildeten ist aber weit geringer. 2013 haben 790 Personen den Master in Humanmedizin abgeschlossen.

In den vergangenen Jahren gaben vor allem die Spitäler – auch in St. Gallen – Gegensteuer, indem sie Mediziner aus dem Ausland rekrutierten. «Am Kantonsspital beträgt der Anteil ausländischer Ärztinnen und Ärzte rund 50 Prozent», sagt Hanselmann. Die meisten stammen aus Deutschland oder Österreich. Doch zum einen unternehmen diese Länder in jüngster Zeit einiges, um medizinische Fachkräfte zurückzugewinnen beziehungsweise gar nicht erst an die Schweiz zu verlieren. Zum anderen, so Hanselmann, könne die Umsetzung der SVP-Initiative gegen die Masseneinwanderung die Rekrutierungsprobleme noch verschärfen.

Eigene Fakultät als Option

St. Gallen soll darum künftig einen eigenen Beitrag zur Linderung des Ärztemangels leisten: Die Regierung hat das Gesundheits- und das Bildungsdepartement beauftragt, die Einführung eines Medizin-Studiengangs in St. Gallen zu prüfen. Das Kantonsspital könne die Rolle als akademisches Lehrspital durchaus übernehmen, sagt Hanselmann. «Es ist das grösste nicht-universitäre Spital der Schweiz», betont sie.

Für das St. Galler Medizinstudium ist eine Kooperation mit der HSG im Gespräch. In den kommenden Monaten analysiert der Kanton nun drei Varianten einer Medizin-Ausbildung:

• St. Gallen bietet in Kooperation mit anderen Universitäten ein Medizin-Masterstudium an. Das Angebot würde sich an Studenten richten, die den Bachelor in Medizin bereits an einer anderen Universität – allenfalls auch im Ausland – absolviert haben.

• St. Gallen bietet einen kompletten Masterstudiengang in Medizin an, der sich wiederum an Bachelorabsolventen anderer Universitäten richtet.

• St. Gallen baut eine eigene Medizinische Fakultät auf, Studenten können hier das gesamte Studium der Humanmedizin absolvieren.

Die Ergebnisse des Projektauftrags sollen im nächsten Frühjahr vorliegen. «Im besten Fall könnte die Ausbildung in drei Jahren starten», sagt die Gesundheitschefin. Der Fahrplan sei sportlich – doch es gelte, keine Zeit zu verlieren. Konkrete Kennzahlen wie die Kosten oder die Anzahl der Studienplätze kann Erziehungsdirektor Stefan Kölliker noch nicht nennen. Es sei aber denkbar, dass St. Gallen künftig 100 bis 400 Medizinstudierende gleichzeitig ausbilde. Der Bildungschef erinnert daran, dass die HSG baulich erweitert wird – sie könne einen solchen Zuwachs im Rahmen des geplanten Ausbaus bewältigen. Was die Finanzen betrifft, so beteiligt sich der Kanton bereits heute an der Ausbildung von Ärzten. «Wir bezahlen jährlich etwa 14,7 Millionen Franken für St. Gallerinnen und St. Galler, die in anderen Kantonen Medizin studieren», sagt Kölliker.

Tendenz zur Teilzeit

Nebst St. Gallen wollen auch die Kantone Luzern und Tessin neue Medizin-Studiengänge schaffen. «Doch selbst wenn diese Projekte umgesetzt werden, wird das zur Behebung des Ärztemangels nicht ausreichen», sagt Hanselmann. Denn die zunehmend schwierige Rekrutierung ausländischer Mediziner sei nicht der einzige Faktor, der die Situation verschärfe. «Immer mehr jüngere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wollen Teilzeit arbeiten. Das bedeutet, es braucht zur Besetzung einer Vollzeitstelle immer öfter mindestens zwei Personen.» Hinzu komme die demographische Entwicklung. Die Menschen werden immer älter. Die Nachfrage nach Leistungen im Gesundheitswesen steigt.