Medikamente getestet: Kuhns Nachlass ist Basis für Untersuchung

FRAUENFELD. In wenigen Tagen hat Staatsarchivar André Salathé die Archivierung des Nachlasses des Münsterlinger Psychiaters Roland Kuhn abgeschlossen. Parallel dazu formuliert Salathé einen Forschungsauftrag, über den die Thurgauer Regierung befinden wird.

Inge Staub
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Staatsarchivar André Salathé sichtet die Kisten, die den Nachlass von Roland Kuhn enthalten. (Bild: Stefan Beusch)

Staatsarchivar André Salathé sichtet die Kisten, die den Nachlass von Roland Kuhn enthalten. (Bild: Stefan Beusch)

FRAUENFELD. In wenigen Tagen hat Staatsarchivar André Salathé die Archivierung des Nachlasses des Münsterlinger Psychiaters Roland Kuhn abgeschlossen. Parallel dazu formuliert Salathé einen Forschungsauftrag, über den die Thurgauer Regierung befinden wird. Der Staatsarchivar wird dem Regierungsrat empfehlen, dass Historiker schwerpunktmässig die Medikamentenforschung der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen unter die Lupe nehmen sollen.

Erben übergeben Nachlass

Im Februar letzten Jahres hatte die Thurgauer Regierung mitgeteilt, dass sie ein Forschungsprojekt in Auftrag geben wird, welches historisch und gesellschaftspolitisch relevante Fragen aus dem Bereich der Psychiatrie im Thurgau von den 1930er- bis in die 1970er-Jahre wissenschaftlich abklären wird. Gleichzeitig haben die Erben von Roland Kuhn den Nachlass des Psychiaters dem Staatsarchiv übergeben. Zuvor hatte die «Thurgauer Zeitung» darüber berichtet, dass Roland Kuhn nicht zugelassene pharmazeutische Wirkstoffe an Patientinnen und Patienten, darunter Heim- und Pflegekinder, getestet hat. Quellen für diese Recherchen bildeten Dokumente aus dem Staatsarchiv – Aufzeichnungen und Briefe des Psychiaters – sowie Aussagen von Opfern.

Tausendmal mehr Material

Wie André Salathé sagt, enthält der Nachlass von Roland Kuhn tausendmal mehr Unterlagen zu den Medikamententests als das Material, das bislang im Staatsarchiv vorhanden war. «Mit den bislang archivierten Dokumenten hätte man keine wissenschaftliche Aufarbeitung machen können. Sie haben nur Hinweise auf die Testreihen gegeben», sagt Salathé.

Der Nachlass von Kuhn enthält Listen mit Namen von Versuchspersonen, Berichte über die einzelnen Testreihen und die verwendeten Substanzen sowie wissenschaftliche Vorakten zu den Berichten.

Ferner enthält der Nachlass die Ergebnisse von Laboruntersuchungen und Korrespondenz mit Pharmaunternehmen. «Jetzt verfügen wir über ausreichend Material, das als Basis für eine wissenschaftliche Untersuchung dienen kann», betont Salathé.

Weitere Quellen prüfen

Die Historiker müssten dennoch weitere Quellen in anderen Archiven, zum Beispiel jenen der Pharmaunternehmen, in Augenschein nehmen. Zudem können sie auf das Archiv der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen aus dem Zeitraum 1840 bis 1980 zurückgreifen. Das Staatsarchiv hat dieses in den Jahren 2005 und 2006 übernommen, geordnet und elektronisch verzeichnet. Zur Ordnung des Nachlasses von Roland Kuhn hatte die Thurgauer Regierung 160 000 Franken zur Verfügung gestellt.

Staatsarchivar André Salathé hatte zunächst erwogen, den Forschungsauftrag breiter zu fassen, davon hat er abgesehen, weil landesweit weitere Forschungsprojekte lanciert werden. Diese werden unter anderem die Praxis des fürsorgerischen Freiheitsentzugs, wie er über Jahrzehnte in der ganzen Schweiz praktiziert worden war, beleuchten.

Eine Studie ist bereits abgeschlossen, jene über die Zustände im ehemaligen Kinderheim Fischingen. Historiker konnten belegen, dass Pater Kinder sexuell missbraucht hatten. Kinder dieses Heimes waren auch Versuchskaninchen von Roland Kuhn in Münsterlingen.

Zusammenarbeit mit Geigy

Roland Kuhn war ab Mai 1939 als Oberarzt und von 1970 bis 1979 als Chefarzt an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen tätig. Seine Zusammenarbeit mit dem Pharmaunternehmen Geigy dauerte mindestens bis ins Jahr 1972.

Roland Kuhn Ehemaliger Direktor der Psychiatrischen Klinik (Archivbild: TZ)

Roland Kuhn Ehemaliger Direktor der Psychiatrischen Klinik (Archivbild: TZ)