Massenhaft Drogen und ein Freispruch

Sonntagsgericht

Silvan Meile
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«Wie lange ist Marihuana haltbar?», fragt die Richterin. «Lang, lang – wenn es getrocknet ist – lang», murmelt der Beschuldigte vor dem Bezirksgericht Frauenfeld. Mit zusammengebundenen Haaren und einem Ziegenbart sitzt er im Hemd auf der Anklagebank. 135 Gramm Marihuana sind bei ihm gefunden worden. Nun muss er die Richterin davon überzeugen, dass er kein Dealer ist, sondern diese Drogen nur für sich selber kaufte.

«Alles nur zum Eigenbedarf», versichert der 35-Jährige. Die Richterin beginnt zu rechnen: 18 Monate lang hätte diese Menge gereicht, wenn der Beschuldige tatsächlich 7 bis 8 Gramm Gras pro Monat konsumiert, wie er zugibt. «Das ist eine verhältnismässig grosse Menge für Eigenkonsum», stellt die Richterin später während der Urteilsverkündigung fest. Weil ihr aber Hinweise beziehungsweise die Beweise fehlen, die auf einen Handel schliessen lassen, spricht sie den Beschuldigten vom Vorwurf frei, das Marihuana zum Weiterverkauf erworben zu haben. Der Mann atmet tief durch. Bereits vor fünf Jahren ist er mit dem Gras erwischt worden. Da es nun als Eigenkonsum gilt, muss er keine Strafe befürchten. Das Delikt des Konsums ist mittlerweile verjährt. Der Hauptanklagepunkt ist damit aber noch nicht vom Tisch. Dabei geht es um harte Drogen, die an einer anderen Kontrolle bei ihm gefunden wurden. Seit vier Jahren ist der angelernte Spengler arbeitslos. Er lebe vom Geld seiner Mutter, die als Putzfrau arbeitet. Diese hätte ihm auch die knapp 3000 Franken an Bargeld gegeben, das bei ihm zu Hause gefunden wurde. «Für die Wohnungsmiete und die Krankenkasse.» Die Polizei durchsuchte seine Wohnung, nachdem er an einem Sonntagmorgen vor einem Zürcher Club kontrolliert worden war.

Was dabei gefunden wurde, lässt auf einen Drogenhandel schliessen: Rund 70 Gramm der Partydroge MDMA trugen er und seine Begleiterin auf sich. Bei ihm wurden auch 1,43 Gramm Kokain und etwas Marihuana gefunden. Noch mehr Drogen lagerten in seiner Wohnung in Diessenhofen: unter anderem 260 Gramm MDMA in Tabletten- und Pulverform. Die Richterin liest eine Liste an Drogen und Utensilien ab: Feinwaagen, eine Vakuumiermaschine und Verpackungsmaterial für Drogen. Doch auch das reichte nicht, um ihn als Drogenhändler zu verurteilen.

Der Beschuldigte schüttelt den Kopf. «Das gehört alles nicht mir», sagt er, verwirft die Hände, mimt den Unschuldigen. Er will nichts von all den Dingen gewusst haben, die in seiner Wohnung gefunden wurden. Und er kommt damit durch. Die Zürcher Freundin des Angeklagten hat in einem anderen Verfahren alles bezüglich MDMA auf sich genommen. Sie sagte aus, die Partydrogen dem Diessenhofer in die Tasche gesteckt zu haben. Auch das MDMA in dessen Wohnung habe sie ohne sein Wissen dort versteckt. «Etwas anderes kann Ihnen der Staat nicht nachweisen», sagt die Richterin.

Mit 30 Tagessätzen à 30 Franken wegen Besitzes von Kokain kommt der Thurgauer insgesamt glimpflich davon. Bezüglich der Partydrogen wird er entgegen des Antrags der Staatsanwaltschaft freigesprochen. «Es bleiben aber Zweifel an Ihrer Unschuld», sagt die Richterin. «Ich hoffe, dass Sie in der Arbeitswelt Fuss fassen und die Finger von den Drogen lassen.» Der Angeklagte schüttelt wieder seinen Kopf und murmelt: «Danke.»

Silvan Meile