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Mars einfach

Die Spannung steigt. Von den ursprünglich 200 000 Bewerbern für ein One-Way-Ticket zum Mars sind noch 600 Kandidaten übrig. Einer von ihnen ist der Thurgauer Steve Schild. Bei seinem Kraftakt sehen ihm Hana Mauder (Text) und Reto Martin (Fotos) über die Schulter.
Muskelarbeit für das grosse Ziel: Steve Schild trainiert im Fitnesscenter in Frauenfeld. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Muskelarbeit für das grosse Ziel: Steve Schild trainiert im Fitnesscenter in Frauenfeld. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Musik tönt aus den Lautsprechern im M-Fit-Studio in Frauenfeld. Nicht zu laut. Konzentration ist wichtig. Denn wer hierher kommt, hat ein Ziel. Einer von ihnen steckt sein Ziel sehr hoch. Höher, als je ein Mensch zuvor gewesen ist: Er will auf den 55 Millionen Kilometer von der Erde entfernten roten Planeten reisen. Steve Schild nutzt so oft wie möglich seine Mittagspause für ein Kraft- und Konditionsprogramm. Bis zu drei Stunden Sport täglich sind für ihn Pflicht.

«Ich trainiere auch draussen oder zu Hause», sagt er. Seine Anspannung ist spürbar. Die nächsten Wochen stellen die Weichen für seine Zukunft. «Nur rund 15 Prozent der rund 600 Kandidaten werden es in die nächste Runde schaffen», erklärt der engagierte 30-Jährige auf dem Weg zur nächsten Trainingsmaschine. Doch am Ende zählt nicht, wer die meisten Klimmzüge schafft. Die Balance von Kopf und Körper ist gefragt. Eine Fachjury prüft derzeit dazu alle Kandidaten per Internetkonferenz auf Herz und Nieren.

Details sind geheim

Die exakten Details der Selektion sind noch «top secret». Der ursprünglich gelernte Elektromonteur darf also nicht aus der Schule plaudern. Nur soviel: «Ich habe viel über die geplante Mission gelernt und mir ein 70seitiges Dossier für die Befragung zusammengestellt.» Die Organisatoren suchen Teamspieler mit Kombinationsgabe und Improvisationstalent. Überlebenskünstler, die auch in extremen Situationen ruhig Blut bewahren. «Ich glaube, ich habe gute Chancen», meint Steve Schild. Die Kandidaten müssten sich über die Tragweite ihrer Entscheidung klar sein. Bereit, in eine tote Welt zu reisen, Familie, Freunde, die Erde zurückzulassen – um irgendwann Millionen Kilometer von der Heimat entfernt zu sterben. Aufrüttelnde Perspektiven für einen jungen verlobten Mann mit intaktem Freundeskreis, der seine Familie, die Natur und seine Katzen liebt. Aber: «Ohne Pioniere wäre die Menschheit nicht da, wo sie heute ist», meint er. Was er dafür zurücklassen muss, lässt ihn nicht kalt. «Es berührt mich tief. Was wäre ich denn sonst für ein Mensch?»

Sein Enthusiasmus wirkt ansteckend. «Ich habe noch nie einen positiveren Menschen getroffen», sagt Sandra Egloff. Sie ist Englischlehrerin und arbeitet an Vokabular und Ausdruck des Marskandidaten. Die Missionssprache ist Englisch und da reichen Standardkenntnisse nicht weit. «Wir wählen anspruchsvolle Themen und vertiefen diese», so Sandra Egloff. Klar ist: Wenn Steve Schild die nächste Hürde schafft, wird sich sein Leben einschneidend verändern. Bereits jetzt schon beginnen seine Tag früh und enden spät. Arbeit, Sport, Vorbereitung und Medientermine folgen einem straffen Tagesablauf.

«In Phase drei brauche ich einen Manager und eventuell sogar Sponsoren», vermutet er. In der nächsten Etappe treten die verbleibenden Kandidaten in Vierergruppen gegeneinander an. Aufgaben im In- und Ausland gehören dazu. Ende 2015 fällt die Entscheidung, wer für die nächsten zehn Jahre ins Trainingscamp von Mars One einziehen darf. Die Zeit für ein Leben in gewohnten Bahnen wird also knapp.

Ein Visionär und Entdecker

Sein Freundeskreis steht ihm dabei zur Seite. «Ich kenne Steve seit rund fünf Jahren», erzählt Jim Wigert. «Er ist kein Ingenieur und in diesem Sinne wohl kein typischer Astronautkandidat», meint er. «Aber er ist ein Visionär und Entdecker.»

Zu Anfang habe er die Marsambitionen des Freundes nicht ernst genommen. «Ich könnte so einen Trip nie machen. Dafür bin ich zu sehr Familienmensch», meint der 27-Jährige. «Aber Steve ist einer, der sein Ding durchzieht.» Auch der 29jährige Kevin Wieser will den Freund unterstützen. «Ich habe Steve bei einer Veranstaltung im Technorama geholfen», erzählt er. «Steve besitzt die gewisse Portion Verrücktheit, die so ein Abenteuer verlangt.» Mutter Monika Neuweiler und Vater Urs Schild fühlen durchaus Stolz wegen den Aktivitäten ihres Sohnes. «Aber es wird für sie bestimmt schwierig, wenn ich es in die nächste Runde schaffe. Weil dann ein bisher weit entfernter Traum beginnt, Form anzunehmen», meint Steve Schild. Das Gleiche gilt für Weggefährten, Freunde – und nicht zuletzt für die Frau an seiner Seite.

Nach den Sternen greifen

Corinna Küttel liebt einen Mann, der nach den Sternen greift. Erst vor kurzem sind sie mit ihren zwei Katzen von Balterswil in eine geräumigere Wohnung in Elgg umgezogen. «Ich finde es cool, was Steve macht», sagt die 23jährige Reformfachfrau. Sie wünscht ihrem Partner die Chance, eine Astronautenausbildung zu absolvieren und sich seinen Bubentraum zu erfüllen. «Bevor das Projekt Mars One Teil unseres Lebens wurde, haben wir oft vom Auswandern gesprochen», erinnert sie sich. Das Leben in einem amerikanischen Ausbildungscamp klingt für sie verlockend. «Die Partner der Kandidaten dürfen mit. Das finde ich toll», meint sie und schmunzelt bei dem Gedanken, auf dem Campus einen Reformladen zu eröffnen.

Nur der Aspekt des One-Way-Tickets passt nicht so ganz ins Konzept. «Ich hoffe, bis 2025 ist die Technik weit genug für eine Variante mit Rückflug. Oder auf die Chance, dass Steve nach seiner Ausbildung eine andere für ihn erfüllende Arbeit im Umfeld der Raumfahrt findet.»

Eine bunte Biographie

Der Marsanwärter weiss: Er reitet auf der Spitze einer Welle. «Ich habe dank meiner Bewerbung für das Projekt faszinierende Leute kennenlernen dürfen», sagt er. Dazu zählt der Besuch beim deutschen Astronauten Ulrich Walter. Oder der Kontakt zum Weltraum-Künstler Werner Beyeler.

Die Geschichte des jungen Schweizers, der für die Erfüllung seines Kindheitstraums alle Hebel in Bewegung setzt, fordert zu Diskussionen heraus. «Das zeigte auch der Film über mich und meinen Traum im Schweizer Fernsehen. Er wurde Anfang Januar gesendet», meint Steve Schild.

Marsmensch mit Plan B

Zuerst sei es nicht einfach gewesen, vor laufender Kamera zu agieren. Aber das habe sich bald gelegt. «Ich habe bewusst den Blick auf meine sensiblen Seiten zugelassen», erklärt er. Reisen, Interviews, Fotoshootings, Vorträge und Weltrekordversuche füllen seinen Alltag. Erlebnisse, wie sie nur wenige Menschen in ihrer Biographie verbuchen dürfen. Aber eben. Das alles könnte in wenigen Wochen bereits Geschichte sein.

Gedanken, die der ambitionierte Weltraumfan zu Ende denken muss. Man müsse immer mit einem Bein auf dem Boden und beruflich am Ball bleiben, meint er. Darum steckt er mitten in der Ausbildung zum Technischen Verkaufsleiter. Alles unter einen Hut zu bringen, ist zwar ein Bravourstück. «Aber ich gehöre zu den Leuten, die immer in Bewegung sein und ein Ziel vor Augen haben müssen», schmunzelt er. Rastlos? Nein. Aber extrem motiviert.

Das grosse Warten

Steve Schilds erklärtes Ziel aber ist und bleibt der rote Planet. Auch in dem Wissen, wie kontrovers das Projekt in der Welt der Wissenschaft diskutiert wird. Die einen glauben an den von den Medien genüsslich zelebrierten Clou. Andere betiteln die Reise ohne Wiederkehr als Selbstmordmission. «Ich habe mich mit dem Projekt Mars One intensiv auseinandergesetzt. Die Besiedlung des Mars ist machbar. Das steht für mich ausser Frage», sagt er und wechselt vom Kraftraum in den Kardio-Bereich.

Jetzt bleibt ihm nur noch das Warten auf die Ergebnisse im Februar. «Wir werden für ihn da sein, wenn er es in die nächste Runde schafft», meint sein Freund Jim Wigert. «Und wenn nicht…, dann erst recht.»

Die erste Siedlungseinheit auf dem Mars, schematisch dargestellt. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Die erste Siedlungseinheit auf dem Mars, schematisch dargestellt. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Maus als Haustier: Steve Schild besitzt gleich zwei und zwei Katzen. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Maus als Haustier: Steve Schild besitzt gleich zwei und zwei Katzen. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

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