«Man findet heraus, wer es war»

FRAUENFELD. Im ländlichen Thurgau sind Jugendliche vor Cybermobbing nicht sicherer als in Zürich oder Basel. Das sagt Sonja Perren, die mit ihrem Team 950 Teenager aus den Kantonen Thurgau, Tessin und Wallis über Mobbing befragt hat.

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Schülerinnen und Schüler werden mehr von Schlägertypen direkt auf dem Schulhausplatz geplagt als im Internet oder via Handy blossgestellt. (Archivbild: ky/Martin Ruetschi)

Schülerinnen und Schüler werden mehr von Schlägertypen direkt auf dem Schulhausplatz geplagt als im Internet oder via Handy blossgestellt. (Archivbild: ky/Martin Ruetschi)

Frau Perren, in Thal haben Teenager Nacktfotos von Schülerinnen aus einem Chat geladen, ausgedruckt und in der Schule an die Wände gehängt. Wieso kommen Sie in Ihrer Studie zur Erkenntnis, dass Cybermobbing in der Schweiz überschätzt wird?

Sonja Perren: Also das Überschätzen bezieht sich darauf, dass in den Medien das Bild vorherrscht: Alle Jugendlichen sind betroffen, und es wird wild im Internet gemobbt. Das ist nicht der Fall. Nur in einem Drittel der Mobbingfälle machen sich die Jugendlichen im Internet oder übers Handy fertig, nur zwei Prozent der Befragten in unseren Studien sind systematische Opfer von Cybermobbing. Die meisten Jugendlichen verhalten sich angemessen im Internet. Zudem hängen die Probleme Mobbing auf dem Schulhausplatz und im Internet eng zusammen. Das zeigt das Beispiel aus Thal: Die Bilder aus dem Internet werden in der Schule aufgehängt. Das ist eigentlich nicht Cybermobbing, weil nicht über das Internet gemobbt wurde.

Macht es überhaupt Sinn, diese beiden Arten von Mobbing zu trennen?

Perren: Man kann das sehr oft gar nicht richtig trennen. Uns hat auch die Frage interessiert: Ist es das Medium, also das Internet oder das Handy, das den Leuten und Mobbingopfern Angst macht? Oder ist es die Grösse des Publikums? Es ist letzteres, egal ob im Internet oder an der Schulhauswand.

In Thal haben Mädchen andere Schülerinnen gemobbt. Unterscheiden sich Schulhofschläger von Internet-Tyrannen?

Perren: Die Überlappungen sind gross. Es gibt fast keinen Jugendlichen, der erst im Internet beschliesst, sich über seine Mitschüler anonym lustig zu machen, ohne dass ihm schon auf dem Schulhofplatz die Idee gekommen ist, er könnte andere mobben.

Auch nicht in Zürich, Bern, Basel oder anderen grossen Städten? Sie haben für Ihre Studie nur Schüler aus dem Thurgau, Tessin und Wallis befragt?

Perren: Es gibt insgesamt in der Mobbing-Forschung keine Hinweise darauf, dass es grosse Stadt-Land-Unterschiede gibt. Das trifft übrigens auch auf die allgemeine Nutzung der sozialen Medien zu. Also das Gefühl, in der Stadt sei es sowieso viel schlimmer, stimmt eigentlich so nicht.

Schämen sich die Befragten nicht, ehrlich zu antworten?

Perren: Das ist sicher ein Punkt. Die verlässlichsten Angaben haben wir von Opfern erhalten. Darum haben wir etwa gefragt: «Sind schon Bilder von dir gegen deinen Willen verbreitet worden?» Bei der Umfrage war es für die Jugendlichen klar, dass diese anonym und vertraulich ist. Aber es wird schon einzelne gegeben haben, die Sachen verschwiegen haben.

Was empfehlen Sie nun Lehrern und Eltern, was sie beim Thema Cybermobbing machen können?

Perren: Man muss Cybermobbing im Rahmen von Mobbing im allgemeinen betrachten. Es geht um Gewaltprävention und Förderung der sozialen Kompetenzen. Aber es ist nicht wichtig, dass man ein gesondertes Cybermobbing-Programm startet. Lehrer können in Schulen nicht nur eine Woche jemanden einladen, der sich dem Thema Cybermobbing widmet, und dann ist das Thema aus der Welt geschafft. Die Probleme Mobbing, Gewalt und antisoziales Verhalten prägen den Schulalltag, und es ist eine Aufgabe für Lehrer, das ganzheitlich anzugehen.

Sie fordern auch, anonymes Cybermobbing zu unterbinden. Lehrer und Eltern sollen ihre Mittel einsetzen, um etwa über IP-Adressen Täter aufzuspüren. Verletzt das nicht zu sehr den Datenschutz, wenn Cybermobbing nicht so ein Problem ist?

Perren: Wir sagen nicht, dass Cybermobbing kein Problem ist, wir sagen nur, dass es weniger häufig als traditionelles Mobbing ist. Das Aufspüren von IP-Adressen in Fällen von anonymem Cybermobbing wird schon gemacht, und darum findet man eigentlich immer raus, wer es war. Mobbingfälle sind strafrechtlich relevant. Das heisst, auch die Polizei kann eingeschaltet werden. Die muss dann entscheiden, was in den einzelnen Fällen gerechtfertigt ist.

Interview: Marc Engelhard

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