MAMMERN: Schwingende Hüften am Hang

Angeführt von Jürg von Känel mähten zwanzig Freiwillige die steile Wiese unterhalb der Ruine Neuburg. Nicht etwa mit dem Motormäher, sondern mit der Sense.

Margrith Pfister-Kübler
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In geordneter Reihe geht es im steilen Hang unterhalb der Ruine Neuburg voran. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

In geordneter Reihe geht es im steilen Hang unterhalb der Ruine Neuburg voran. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Margrith Pfister-Kübler

unterseerhein@thurgauerzeitung.ch

Die Wiese zu finden, ist nicht ganz einfach: Sobald der steil abfallende Hang bei der Ruine Neuburg in Sicht kommt, ist man am Ziel. Weil der Wanderweg von Mammern hinauf wegen Sturmschäden gesperrt ist, muss man sich vom Rosenhof ob Gündelhart durch den Wald schlagen.

Rund 20 Leute haben sich dort um Jürg von Känel, den Wiederbeleber des Mähens mit Sensen, versammelt. Der gelernte Forstwart und Landschaftsgärtner ist Inhaber der Sensenwerkstatt Mammern. Fröhlich geht es zu und her am Samstagmorgen. Von Känel hat im Voraus alles ­parat gemacht. Jede Sense ist auf die Körpergrösse des Teilnehmers eingestellt und mit Namen beschriftet.

«Er hat uns schon viel beigebracht, wir sind keine Anfänger» betonen Routiniers und bemühen sich, den richtigen Platz im Hang zu erreichen. Eine Waldwiese, knapp eine Hektare gross, die unter Schutz von Kanton und Gemeinde steht. Zweimal pro Jahr wird diese gemäht. Am ersten Samstag im Juli und am ersten Samstag im Oktober. Alles mit dem Ziel, Gras- und Blumenvielfalt zu fördern, unerwünschte Gewächse zu dezimieren.

Der Vormäher gibt den Takt an

Die Mäher nehmen sich gegenseitig unter die Fittiche. Es muss gelernt sein, die Sense richtig zu führen, sauber und tief zu schneiden. Und sie sind ungeheuer stolz auf ihr Können, rühmen das Gefühl von Ruhe und Frieden. Die schwingenden Hüften im steilen Hang haben Stil. Die Mäherinnen und Mäher rücken in Reihen vor, geführt von einem Vormäher, der den Takt angibt; wer vorne ankommt, muss sich wieder hinten anschliessen.

Zerfurchte Hände und die Kunst des Dengelns

Der pensionierte Lehrer Eduard Tönz aus Berlingen schwärmt: «Handmähen hat etwas Archaisches und macht zufrieden.» Heidi und Reto Gugger aus Mammern, er Zahnarzt, sie im Pflegeberuf, brillieren beim Mähen in der grasigen Buckelpiste: «Wenn das Gras nass ist, läuft die Sense schöner. Von Hand mähen hält den Rücken in Bewegung», versichert Heidi Gugger. Die Mammerer Gemeinderätin Christl Hasert lacht, bezeichnet diese Arbeit als tolle Herausforderung und als gesellschaftlichen Anlass. «Handmähen erspart jeden Psychotherapeuten», ergänzt der Reisekoch Michael Gütges aus Viersen. Steuerkommissär Andreas Fritschi aus Frauenfeld sagt: «Diese körperliche Arbeit macht einfach zufrieden, auch mit Blotere an den Fingern.» Robert Müller von der Eggmühle bei Ammenhausen, ein Landwirt der alten Schule, führt die Sense mit seinen zerfurchten Händen im Rhythmus eines Könners. Auch die Kunst des Dengelns wird gezeigt. Ein einziger falscher Schlag mit dem Hammer kann die Schneide für immer unbrauchbar machen.

Bevor’s verdientermassen zu Suppe, Würsten und Kuchen bei der Feuerstelle geht, muss der Hang heruntergerecht werden.