Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

MALER: Der nimmermüde Indianer

Willi Oertig aus Kradolf ist einer der Grossen in der Thurgauer Kunstszene. Auch ein eifriger Vermarkter seiner selbst. Am 25. April wird er 70. Er fürchtet, die Zeit wird knapp für die vielen Ideen in seinem Kopf.
Ida Sandl (text) Reto Martin (fotos)
Willi Oertig vor seiner Staffelei, er malt im Sitzen und stützt die Arme auf dem Böckli auf. So arbeitet er kleinste Details heraus.

Willi Oertig vor seiner Staffelei, er malt im Sitzen und stützt die Arme auf dem Böckli auf. So arbeitet er kleinste Details heraus.

Ida Sandl (Text) Reto Martin (Fotos)

redaktion@thurgauerzeitung.ch

Dieser Mann ist eine Naturgewalt: Willi Oertig steht in seinem Atelier, vor sich eine Staffelei mit halbfertigem Bild. Aus den Lautsprechern dröhnt AC/DC. Er mag Hardrock, auch Motörhead. «Das ist Energie.» Musik, so wild wie sein Bart. Die Pinsel aber, die hat er akribisch nach Grösse geordnet. Alles ist so aufgeräumt wie in den Landschaften, die Oertig malt. Klar, geordnet und reduziert.

Dafür stürmen in seinem Kopf die Gedanken, müssen heraus. «Ich weiss zu viel», sagt er, krault sein struppiges Bartgewächs und verliert sich in der nächsten Geschichte. Weil die Menschen so gerne Geschichten hören und er so viele kennt.

Vieles ist widersprüchlich an Willi Oertig. So wie der Redefluss, der die Verletzlichkeit übertönt. Mit seinen 1,65 Metern zählt er zu den Grossen in der Thurgauer Kunstszene. Bilder von ihm hängen im Kunstmuseum und in den Wohnzimmern hiesiger Prominenz. Die Namen der Käufer seiner Bilder rattert er herunter wie eine Litanei: Regierungsräte gehören dazu und Unternehmer.

Zurückhaltung – das ist nicht Oertig

In Kurt Aeschbachers Talkshow hat er sich selber eingeladen. Die Assistentin bat ihn vor der Sendung, er möge sich doch bitte zurückhalten. Doch Zurückhaltung ist nicht Oertig. Der Auftritt war trotzdem gut, weil Oertig auch Charme besitzt und Witz. Aeschbacher habe ihm danach die Hand geschüttelt und sich bedankt.

Willi Oertig wartet nicht, bis die Leute den Weg in seine Galerie finden. Dabei könnte gerade er sich das leisten. Er gehört zu den wenigen Malern im Thurgau, die von ihrer Kunst leben können. Darauf ist er stolz.

Am 25. Februar wird der unermüdliche Schaffer 70. Lieber wäre er 20 Jahre jünger, denn er möchte noch so viel malen und immer besser werden. Denn, allem Eigenlob zum Trotz: Sobald er ein Bild fertig hat, fängt er an zu zweifeln. «Ist es wirklich gut?», fragt er dann Edith, seine Frau, Buchhändlerin und gebürtige Bernerin. Sie ist der ruhige Gegenpol zu ihm. Seit 28 Jahren sind sie verheiratet, lebten davor schon zehn Jahre zusammen. Kennengelernt haben sie sich im Tessin. Oertig hatte sich schon mit Anfang 20 ein Rustico zusammengespart. Das tut einer, der als Kind erlebt hat, wie es ist, wenn man nichts hat und von dem noch zu wenig.

Ediths Eltern besassen auch ein Ferienhäuschen, ganz in der Nähe. Eines Tages habe er sie mit einer Freundin neben einem Kartoffelfeld stehen sehen. «Ihr seid zum Znacht eingeladen, wenn ihr Härdöpfel mitbringt», habe er gerufen. Und die jungen Frauen sind gekommen, mit den Kartoffeln.

Ihre Eltern hatten keine Freude an der Liebe der Tochter, ein Künstler, noch dazu so ein Freigeist wie Willi Oertig. «Du wirst dein Leben lang die sein, die das Geld verdienen muss», habe ihr der Vater ins Gewissen geredet.

Der Vater hat sich getäuscht. Oertig, der sich als Indianer sieht, hat für seine Frau und seinen Sohn Beda gut gesorgt. Bis hin zum eigenen Haus in Kradolf.

Gelernt hat er Plandrucker, einen Beruf, den es nicht mehr gibt. Er hat nie eine Kunstakademie besucht. Erst mit 17 hat er mit dem Malen angefangen, nachdem die Mutter ihm Ölfarben geschenkt hat. Seine ersten Motive waren die Dächer, auf die er von seinem Zimmer im Niederdorf blicken konnte. Gewohnt hat er zur Untermiete bei einer alten Frau: 105 Franken im Sommer und 110 Franken im Winter hat’s gekostet.

Er las im Kunstbuch nach, was ein Naiver ist

Das Zimmer war winzig. Ein Foto zeigt Willi Oertig mit schulterlangen Haaren, wie er auf dem Bett sitzt, vor sich eine Staffelei. 1971 stellte er zum ersten Mal aus, zusammen mit fast 700 anderen sogenannten Hobbykünstlern, in den Züspa-Hallen. Am Tag nach der Eröffnung klebten an allen seinen Bildern rote Punkte. Alles verkauft. «Zuerst dachte ich, da hat mir jemand einen Streich gespielt.» Die Kulturjournalistin Margrit Staber schrieb einen Verriss über die Ausstellung, darin stand der Satz: «Nur ein einziger naiver Porträtist der Zürcher Stadtszenerie prägt sich ein: Willi Oertig.» Da sei er in die nächste Buchhandlung gerannt und habe sich ein Buch über Kunst gekauft. «Ich wollte wissen, was ein Naiver ist.» Den Zeitungsausschnitt besitzt er noch, wie er fast alle Artikel und Fotos aufbewahrt in Schachteln und Ordnern. Als könne er nicht glauben, dass diese vielen schönen Worte wirklich über ihn geschrieben worden sind.

Eher zufällig ist Oertig über seine Bilder auch zum Chronisten geworden. Viele der Häuser und Telefonkabinen, der einsamen Tanksäulen und alten Bahnhofsgebäude sind verschwunden oder haben sich zur Unkenntlichkeit verändert. Seine Bilder sind Zeitzeugen, detailverliebt und doch radikal vereinfacht.

Eine Melancholie trotz aller Geschäftigkeit

«Ich könnte heute nicht mehr so malen wie anfangs», sagt Willi Oertig und blättert in einem abgegriffenen Fotoalbum. In seinen frühen Bildern drängen sich die Häuser und Strassen dicht anein­ander. Heute reicht ihm eine Betonmauer, ein Strommast, eine Lampe. Die Bilder sind leerer geworden. «Ich finde nicht, dass meine Bilder leer sind», sagt Oertig. Es läge Tiefe drin, Seele. Vielleicht auch ein bisschen von dem traurigen Kind, das in ihm steckt. «Ausserdem», und jetzt ist er wieder ganz Verkäufer, «klare Bilder verleiden einem weniger als überfüllte.»

Vom 29. April bis 14. Mai ist eine Ausstellung mit Oertigs Bildern in der Baliere in Frauenfeld geplant. «45 Jahre unterwegs» hat er sie betitelt. Er arbeitet an einem Katalog, mit Fotos und Texten, die provozieren sollen. Die Preislisten schreibt er von Hand, die Einladungen sind eigene Kunstwerke. Sogar ein Beizli werde es geben... und wieder schwirren tausend Ideen in seinem Kopf und wollen heraus.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.