Männer schmerzlich vermisst

Wenn fünf Bildungsfachpersonen sich zwei Stunden lang über die Zukunft der Schule unterhalten, finden auch sie keine Lösung für Probleme, wie beispielsweise die Verweiblichung des Berufs. Aber sie liefern Denkanstösse.

Marina Winder
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Die Schule im Wandel bietet auch im neuen Jahr reichlich Diskussionsstoff. Das Podium in Kreuzlingen war hochkarätig besetzt. (Bild: Stefan Beusch)

Die Schule im Wandel bietet auch im neuen Jahr reichlich Diskussionsstoff. Das Podium in Kreuzlingen war hochkarätig besetzt. (Bild: Stefan Beusch)

KREUZLINGEN. Die letzte von vier Veranstaltungen, die das Schulmuseum Mühlebach in Amriswil zu seinem 10jährigen Bestehen durchführte, zog am meisten Publikum an. Während sich die ersten drei Veranstaltungen eher mit der Historie der Schule beschäftigt hatten, befasste sich diese mit deren Zukunft.

Nur einer der fünf Podiumsteilnehmer ist aktiver Lehrer, aber alle haben schon Klassen unterrichtet: Ständerat Roland Eberle lehrte an einer Klosterschule für angehende Bäuerinnen. Anne Varenne war lange Zeit Lehrerin, bevor sie Präsidentin von Bildung Thurgau wurde. Sie will diesen Beruf irgendwann wieder ausüben. Priska Sieber, Rektorin der Pädagogischen Hochschule Thurgau, war Mathematiklehrerin an der Sekundarschule. Monica Müller, CEO der Chocolat Bernrain in Kreuzlingen, war Primarlehrerin, bevor sie vor zehn Jahren das Unternehmen ihres Vaters übernahm. Plötzlich sei sie nicht mehr diejenige gewesen, die vorne stehe und am meisten Ahnung habe, sondern diejenige, die vorne stehe und am wenigsten Ahnung habe, erzählt sie.

Martin Seiterle, der Lehrer in der Runde, unterrichtet seit gut 30 Jahren an der Primarschule. Er stammt aus einer Lehrerdynastie. Sein Sohn hat sich für einen anderen Beruf entschieden, seine beiden Töchter aber wählten wie ihr Vater den Lehrerberuf. «Typisch», ruft eine Frau aus dem Publikum und spricht damit die Verweiblichung des Lehrerberufs an. Diese stellt denn auch einen Schwerpunkt in der anschliessenden Diskussion dar.

Frauen verdrängen Männer

«Weil Frauen zu Hause für die Erziehung zuständig sind, ist doch klar, dass Lehrpersonen Frauen sein müssen», wirft Moderator Hansjörg Enz provokativ in die Runde. Diese Haltung stehe in der heutigen Gesellschaft tatsächlich immer noch im Vordergrund, sagt Sieber. Überhaupt seien die meisten Berufe mehr oder weniger einem Geschlecht zugeordnet. Sieber spricht von einem Teufelskreis: Nicht viele Berufe wie jener des Lehrers liessen sich so gut mit der Familienplanung vereinbaren. Junge Frauen würden die Männer deshalb regelrecht verdrängen. «Und sobald ein Beruf von vielen Frauen ausgeübt wird, wird er für die Männer uninteressant. Das hat mit Prestige zu tun.»

Anne Varenne glaubt, dass die Männer Chef sein wollen. Als Lehrer seien sie zu stark in ein Team und in diverse Projekte eingebunden. Roland Eberle stellt einen «Schwanzbeissereffekt» fest: «Weil es keine männlichen Lehrpersonen – herrje, jetzt sag ich auch schon Lehrpersonen. Furchtbar! Also: Weil es zu wenig Lehrer gibt, fehlt es auch an Vorbildern, die einen jungen Mann dazu bewegen können, ebenfalls diesen Beruf zu wählen.»

Zu wenig Konfliktfähigkeit

Was denn verlorengehe, wenn nur noch wenige Männer als Lehrer wirken, fragt der Moderator. Martin Seiterle meint, dass viele Kinder dann keine männliche Bezugsperson mehr hätten. Gewisse Rollenmuster könnten nicht mehr trainiert werden, sagt auch Eberle. «Unsere drei Jungs haben in der Schule eine Überdosis an Harmonie erhalten. Sie haben so nicht gelernt, Konflikte auszutragen.»

«Wie bekommen wir die Lehrer zurück?», fragt Enz. «Wir müssen daran arbeiten, dass es andere gute Berufe für Frauen gibt, die sie als Mütter ausüben können. Dann werden die Männer nicht mehr aus diesem Berufsfeld verdrängt», antwortet Sieber. Seiterle sei Lehrer geworden, weil er gerne in die Primarschule gegangen sei. Wenn man diesen Effekt heute erzielen wolle, dürfe auf der Primarstufe nicht zu viel Sprachunterricht stattfinden. Das würde Buben abschrecken, sagt Seiterle. Sieber stellte das sofort in Frage: Solche Rollenverteilungen seien doch von der Gesellschaft konstruiert.

Volksschule ist eine Zentrifuge

Am Ende überlegen sich die Podiumsteilnehmer, wie ihrer Meinung nach die Schule der Zukunft aussehen solle. Anne Varenne stellt sie sich als Grossfamilie vor. Wenige Schüler auf verschiedenen Altersstufen, die mit- und voneinander lernen. Seiterle wünscht sich, dass die Bezugspersonen für die Kinder nicht vervielfacht würden. Eberle hofft, dass die Kinder künftig nicht zwei bis drei Sonderschulungen über sich ergehen lassen müssen. Die Idee, dass Eltern aus diversen Schulformen für ihr Kind jene wählen können, die ihnen passend erscheint, lehnt er ab. «Die Volksschule hat eine enorm wichtige Aufgabe. Sie wirkt wie eine Zentrifuge und hält die Gesellschaft zusammen.» So sieht das auch Sieber: «Die Volksschule ist neben dem Militär der einzige Ort, an dem so viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen.» Durchaus ihren Reiz übt die Idee auf Monica Müller aus. Ihrer Meinung nach gebe es nicht ein richtiges System, dem sich alle Eltern unterordnen müssten.

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