«Mädchen sind fleissiger»

Für einige Fachleute ist klar: Mädchen sind reifer sowie motivierter und deshalb an den Kantonsschulen oft in der Mehrzahl. In diesem Jahr waren fast 60 Prozent der erfolgreichen Prüfungsabsolventen im Kanton St. Gallen weiblich.

Joel Christakis/Nina Ladina Kurz
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In Fremdsprachen sind Mädchen den Buben oft überlegen. (Bild: Reto Martin)

In Fremdsprachen sind Mädchen den Buben oft überlegen. (Bild: Reto Martin)

Mädchen gelten gemeinhin als besser in der Schule als Buben. Eine Bestätigung dieser Aussage findet sich in den aktuellen Zahlen zu den bestandenen Aufnahmeprüfungen an die St. Galler Kantonsschulen: Fast 59 Prozent aller erfolgreichen Prüfungsteilnehmenden waren Mädchen – ein Rekord. Der Durchschnitt lag in den letzten zehn Jahren bei 55,4 Prozent. Mit diesen Prüfungsergebnissen wird der weibliche Anteil an den St. Galler Kantonsschulen noch grösser. Aktuell lernen 3269 Schülerinnen und Schüler auf Sekundarstufe I – rund 56 Prozent davon sind Mädchen. Ähnlich sieht es im Kanton Thurgau aus. Dort beträgt der Mädchenanteil durchschnittlich rund 53 Prozent.

Eine Ausnahme bilden die Kantone Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden. Die Buben sind an den jeweiligen Kantonsschulen mit je rund 51,5 Prozent in der Mehrheit.

«Buben provozieren lieber»

Die Ursachen für die weibliche Übermacht in den Kantonsschulen begründen Fachleute unterschiedlich. Gegenüber der aktuellen Schulpraxis kritisch eingestellt ist der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Für ihn sei die Gleichberechtigung in der Schule nicht mehr gegeben, Buben seien benachteiligt. «Die heutige Schulpädagogik ist klar auf Mädchen ausgerichtet. Emotionale Befindlichkeiten werden beispielsweise in engem Kontakt zur Lehrperson besprochen.» Buben würden hingegen lieber provozieren und den Konkurrenzkampf ausleben. Hinzu komme, dass Mädchen eine höhere Eigenmotivation hätten und ihnen die überwiegend sprachlichen Fächer besser liegen würden. Diese Umstände können den schulischen Erfolg der Buben mindern, so die Meinung Guggenbühls.

Für Erwin Beck, Rektor der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, liegt es aber nicht am Schulsystem, sondern an den geschlechterspezifischen Unterschieden: «Die Mädchen sind in ihrer Entwicklung fortgeschrittener, bereiten sich fleissiger auf eine Prüfung vor und sind dementsprechend erfolgreicher als gleichaltrige Knaben.» Mit diesen Eigenschaften seien die Mädchen eher für die Kantonsschule vorbereitet. Ein weiterer Grund könne sein, dass sich viele Buben für die Berufslehre entscheiden würden, sagt Beck.

Dem stimmt Christoph Mattle, Leiter des Amtes für Mittelschulen des Kantons St. Gallen, zu. «Die Berufslehre ist für viele Buben attraktiv, und dank der Berufsmaturität und der Passerelle können die Berufsschüler auch später den Zugang zu einer Fachhochschule oder Universität erlangen.»

Lehrerinnen in der Mehrheit

Ein weiterer Streitpunkt unter Fachleuten ist die hohe Anzahl weiblicher Lehrkräfte. Im Kanton St. Gallen sind aktuell 70 Prozent der Lehrerschaft von der ersten bis neunten Klasse Frauen. Nach Meinung von Rektor Beck erleben die Schüler während der Schulzeit zu oft ausschliesslich das weibliche Geschlecht. «Für den Erwerb von gewissen sozialen Kompetenzen ist das einseitig und es fehlt immer stärker eine männliche Bezugsperson», sagt Beck.

Dass die klare Überzahl von Lehrerinnen aber direkt etwas mit dem Schulerfolg der Schülerinnen zu tun habe, sei nicht nachgewiesen.